Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

WohnHaft
Wohnen als Technologie der Normalisierung

I. Entdeckung und Institutionalisierung der „Wohnungsnot“

Während des Prozesses der Industrialisierung verschlechterten sich die Lebens- und Wohn-verhältnisse der unteren Klassen zunehmend. Diese besaßen eine ungeheure soziale Sprengkraft; um sie abzufedern, beschäftigte sich die bürgerliche Sozialreform mit der „ArbeiterInnenwohnungsfrage“. Mit der Entdeckung der „Wohnungsnot“ und dessen Institutionalisierung schufen sich Staat, Kirche und Kapital ein manipulierbares Spielfeld sozialer Fürsorge. Die Wohnung, der Ort der Reproduktion der Arbeitskraft, wurde zum Spielball bürgerlicher Sozialreform. Nicht die Lösung der Wohnungsfrage sollte in den Mittelpunkt gestellt werden, sondern die „Wohnungsnot“, die systemunabhängig betrachtet werden sollte. Dafür wurde ein eigenes Politikfeld geschaffen: die Wohnungspolitik. Innerhalb der Wohnungspolitik ging es aber nie nur darum, benötigten Wohnraum zu schaffen, sondern vielmehr darum, wie die Menschen zu Wohnen zu haben. Der konservativ-bürgerliche Sozialreformer Victor A. Huber schreibt 1857 über die Wohnungszustände der unteren Klasse, „daß sie in unzähligen, ja in den meisten Fällen die Hauptursache des sittlichen und leiblichen Verderbens von hunderttausenden von Familien und eben dadurch eine Quelle zunehmender Nachteile unter Umständen Gefahren für das Ganze, für das Gemeinwesen werden müssen“ (Huber 1857, 20). Hier deutet sich an, daß das Wohnen nicht nur eine Frage des individuellen Wohlergehens ist, sondern gesamtgesellschaftliche und bevölkerungspolitische Komponenten besitzt. Wohnungspolitik wurde zu einem Instrument und die Wohnung zum Ort der Disziplinierung von Individuen und der Regulierung und Normalisierung der Bevölkerung. Um zu bestimmen, was unter Disziplinierung, Regulierung und Normalisierung zu verstehen ist, sind ein paar theoretisch-erklärende Bemerkungen zu der verwendeten Begrifflichkeit notwendig, die sich auf den französischen Philosophen Michel Foucault und den Diskurstheoretiker Jürgen Link beziehen.


II. Disziplinarmacht, Bio-Macht und Normalisierung (Foucault)

Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert, dem klassischen Zeitalter kam es zu einer Transfor-mation der Machtmechanismen. In Überwachen und Strafen hat Foucault diese neue Macht anhand der Geburt des Gefängnisses analysiert (zur Foucaultsche Analyse der Macht siehe: Mümken 1997/1998). Die Disziplinarprozeduren, die zunächst in den Klöstern entwickelt und angewandt wurden, werden zum räumlich-zeitlichen Grundprinzip von Gefängnissen, Armeen, Fabriken, Schulen. Im Zentrum der neuen Technologie der Macht steht die „Entdeckung des Körpers als Gegenstand und Zielscheibe der Macht“ (Foucault 1977, 174). Es entstand eine Disziplinargesellschaft, die die Macht gezielt auf die Individuen und ihre Körper richtet. Foucault erklärt die Disziplin folgendermaßen:
„Die Disziplin ist im Grunde der Machtmechanismus, durch den es uns gelingt, im sozialen Körper auch die winzigsten Elemente zu kontrollieren, durch die es uns gelingt, auch die sozialen Atome selbst zu erreichen, das heißt die Individuen: Individualisierungstechniken der Macht. Wie jemanden überwachen, sein Verhalten kontrollieren, sein Betragen, seine Anlagen, wie seine Leistung steigern, seine Fähigkeit vervielfachen, ihn dorthin stellen, wo er nützlicher ist“ (Foucault 1995, 31).
Das Operationsfeld dieser Disziplinarmacht bildet der lebende Körper, den es gilt zu dressieren, zu manipulieren und zu formen. Diese Formierung der Körper durch die Macht beruht auf einer Politik des Raumes, einer räumlichen Verteilung der individuellen Körper, basierend auf ihrer Trennung, Ausrichtung, Reihung und Überwachung. Neben dieser Politik des Raumes beruhen die Disziplinen auch auf einer Politik der Zeit. Der Zweck all dieser Prozeduren ist die ökonomisch gesteigerte Nützlichkeit und die politisch vertiefte Unterwerfung des Individuums.
Im 19. Jahrhundert kam es zu einer weiteren Transformation der Machtmechanismen, diese geschah vor dem Hintergrund einer demographischen Explosion und der Industrialisierung. Zu diesem Zeitpunkt tritt die „Bevölkerung“ in die Geschichte ein; die Regierungen hatten entdeckt, daß sie es nicht nur mit Untertanen oder bloß mit einem „Volk“ zu tun hatten. Die Transformation der Machtmechanismen reagierte auf das „Auftreten der 'Bevölkerung' als ökonomisches und politisches Problem: die Bevölkerung als Reichtum, die Bevölkerung im Gleichgewicht zwischen ihrem eigenen Wachstum und dem ihrer Ressourcen“ (Foucault 1983, 37). Diese neue Aufmerksamkeit, die auf die „Bevölkerung“ gerichtet ist, bildete neue regulierende Kontrolltechnologien heraus, die „die Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Lebensdauer, die Langlebigkeit mit allen ihren Variationsbedingungen“ (Foucault 1983, 166) zum Gegenstand hat. Foucault spricht deshalb von der „Bio-Politik der Bevölkerung“. Es entstehen eine Reihe von Regulierungsmechanismen, die u.a. auf die Natalität, der Mortalität und Morbidität der Bevölkerung gerichtet sind.
Die Bio-Politik befaßt sich auch mit neuen als pathologischen angesehen Phänomenen der Bevölkerung: es geht nicht mehr allein um Epidemien, sondern es treten jene Probleme in der Vordergrund, die Foucault als Endemien bezeichnet. In dem Blickpunkt der Bio-Macht gerät „die Form, die Natur, die Ausdehnung, die Dauer, die Intensität der in einer Bevölkerung herrschenden Krankheiten“ (Foucault 1992, 31). Bei diesen Krankheiten handelt es sich nicht um Epidemien, wie Pest oder Cholera, sondern um „permanente Faktoren des Entzugs von Kräften, der Verminderung der Arbeitszeit, des Schwindens der Energie“ (Foucault 1992, 31). Es geht also nicht um Krankheiten, die den Tod bringen, sondern um solche die das Leben brutal niederwerfen, Krankheiten, die einen ökonomischen Kostenfaktor darstellen, da sie die Produktivität der Bevölkerung hemmen. Deshalb finden auch die Wohnverhältnisse und die hygienische Situation in den ArbeiterInnenquartieren Beachtung bei den bürgerlichen Sozialreformern. Deshalb fand u.a. auch Kampagnen zur Medikalisierung und Hygienisierung der Gesellschaft statt. Hygiene und Medizin sind ein Macht-Wissen, das sich zugleich auf den Körper und auf die Bevölkerung richtet. Sie besitzen beide folglich disziplinierende und regulierende Effekte und die Norm gestattet es in diesem Zusammenhang „zugleich die disziplinierende Ordnung des Körpers und die Zufallereignisse einer biologischen Vielfalt zu kon-trollieren“ (Foucault 1992, 40). In den Normalisierungsgesellschaften ist die Norm, das, „was sich ebensogut auf einen Körper, den man disziplinieren will, und auf eine Bevölkerung, die man regulieren will, beziehen kann. Die Normalisierungsgesellschaft ist folglich unter diesem Gesichtspunkt keine verallgemeinerte Disziplinargesellschaft, deren Disziplinarinstitutionen ausgeschwärmt wären und schließlich den gesamten Raum erfaßt hätten - dies ist (..) nur eine erste unzureichende Interpretation der Idee der Normalisierungsgesellschaft. Die Normalisierungsgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der sich gemäß einer orthogonalen Verknüpfung die Norm der Disziplin und die Norm der Regulierung miteinander verbinden“ (Foucault 1992, 40). Die Stadt und die Wohnung sind in diesem Sinne der strategische Ort an dem die Hygiene ihre disziplinierenden, regulierenden und normalisierenden Effekte entfalten kann.


III. Protonormalismus und flexibler Normalismus (Link)

Mit Hilfe der Diskursgeschichte des Normalismus von Jürgen Link ist es möglich innerhalb der Normalisierungsgesellschaften zwei Typen des Normalismus zu differenzieren (vgl. Link 1995/1997). Wir können davon ausgehen, daß alle menschlichen Gesellschaften „Normen“ und „Normativität“ besitzen und besaßen, daß heißt Regulative, die bestimmten Personengruppen ein bestimmtes Handeln vorschreiben. „Normal“ und „Normalität“ dagegen sind „historisch-spezifische 'Errungenschaften' 'moderner' okzidentaler Gesellschaften“ (Link 1995, 24). Nach Link ist der Normalismus der „hegemoniale“ Kulturtyp in den hochentwickelten Industrieländern. Dort stellt sich der Mensch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Frage „Bin ich normal?“, damit tritt auch die Angst auf, nichtnormal zu sein auf, denn das Normale etabliert sich als Zwangsprinzip. „Zusammen mit der Überwachung wird am Ende des klassischen Zeitalters die Normalisierung zu einem der großen Machtinstrumente. An die Stelle der Male, die Standeszugehörigkeit und Privilegien sichtbar machen, tritt mehr und mehr ein System von Normalitätsgraden, welche Zugehörigkeit zu einem homogenen Gesellschaftskörper anzeigen, dabei jedoch klassifizierend, hierarchisierend und rangordnend wirkt“ (Foucault 1977, 237). Der Zwang zur Normalität führt bei den Menschen zu einer Rei-he von Denormalisierungsängsten, denn die Normalitätsrichter befinden sich überall. „Wir leben in der Gesellschaft des Richter-Professors, des Richter-Arztes, des Richter-Pädagogen, des Richter-Sozialarbeiters; sie alle arbeiten für das Reich des Normativen; Ihm unterwirft ein jeder an dem Platz, an dem er steht, den Körper, die Gesten, die Verhaltensweisen, die Fähigkeiten, die Leistungen“ (Foucault 1977, 392f). Ausgegrenzte Formen zu Leben und zu Lieben kämpfen deshalb in Normalisierungsgesellschaften um die „Normalität“ ihrer Lebens-form (Wohnen, Sexualität, Kleidung).
Für die Beantwortung der Frage „Bin ich normal?“ ist es notwendig, eine Wesensgrenze und Toleranz-Zonen zwischen „normal“ und „nichtnormal“ zu ziehen. „Die Grenzwerte der Toleranz (...) fungieren dabei als Kriterium der 'Normalität'. Was zu ihrem Innenraum gehört, ist 'normal', um was nicht dazu gehört, ist 'anormal'„ (Nam 1995, 43f). Für die Festlegung von Normalitätsgrenzen sieht Link zwei verschiedene Strategien. Die erste, die bestimmend für das 19. und beginnende 20. Jahrhundert war, nennt Link eine protonormalistische, d.h. eine Normalisierung durch die „Etablierung möglichst fixer Normalitätsgrenzen auf möglichst lange Zeiträume und durch möglichst enge Toleranzen-Zonen“ (Link 1995, 27). Als Beispiel für das 19. Jahrhundert sei hier nur die Feld der Sexualität mitsamt seinen sexuellen „Anormalitäten“ genannt. Die Hygiene und Sozialhygiene gehören ebenfalls zu den Leitmotiven des Protonormalismus im 19. Jahrhundert, wie wir später am städtischen Raum und die Ord-nung der Wohnung sehen werden.
Doch diese starren Grenzen können in Gesellschaften, die in der Moderne in der Regel auch dynamischen Prozessen unterliegen, als Blockade wirken, die zu Deichbrüchen der Normalisierungsgrenzen führen können und daraus können katastrophische Denormalisierungsängste folgen. Deshalb bildete sich im 20. Jahrhundert eine flexibel-normalistische Strategie heraus, die sich laut Link zunächst nach 1945 in den USA und später in allen abendländischen Gesellschaften durchsetzte. Hier sind die Normalitätsgrenzen möglichst flexibel und für möglichst kurze Zeiträume festgelegt. Ebenfalls zeichnet den flexiblen Normalismus „breite“ Grenzen aus, „so daß bestimmte Verhaltensweisen als „im Grenzbereich“ liegend ebenfalls de facto noch toleriert werden können. Für den Bereich der Sexualität heißt dies, so lange die Heterosexualität als „normal“ anerkannt wird, kann Homosexualität toleriert werden.
In der Postmoderne scheint sich abzuzeichnen das protonormalistische und flexibel-normalistische Strategien nebeneinander existieren. Das Feld Sexualität unterliegt zur Zeit einem Flexibilitäts-Normalismus, während im Bereich von Flüchtlingen und MigrantInnen eine pro-tonormalistische Strategie die Oberhand gewinnt.


IV. Hygiene als protonormalistische Strategie der Normalisierung

Die Bestimmung und Durchsetzung hygienischer Normen setzt ein normatives Verständnis von Gesundheit und „gesunden Lebensverhältnisse“ voraus. In der Moderne wurde die „individuelle Relativität des biologisch Normalen“ (Canguilhem 1974, 121) durch neue normative Biologie ersetzt. Die Medizin hatte im 18. Jahrhundert „die alte 'Gesundheit' durch die neue 'Normalität' ersetzt“ (Link 1997, 136).
Die Hygiene als Technologie der Normalisierung bedient sich der medizinischen Normalität, bei der alles abweichende als pathologisch begriffen wird, die Kategorien „gesund“ und „krank“ wurden vom individuellen Empfinden entbunden und durch eine medizinische Norm ersetzt. Die Hygiene als protonormalistische Strategie duldete keine Abweichung, jedes abweichende Verhalten wird als Bedrohung des Ganzen betrachtet. Individuelle Abweichungen von den hygienischen Normen stellen eine Bedrohung für die „Volksgesundheit“ dar, denn die Bedeutung der Hygiene in der Moderne ist untrennbar verbunden mit der Entdeckung der Bevölkerung als Wirkungsort der Bio-Macht. Innerhalb der Bio-Macht bekommt auch die Sozialhygiene eine besondere Bedeutung, denn sie betrachtet „das Proletariat als eine Sonderzone voller Risiken von Proliferationen und Denormalisierungen (Epidemien, Alkoholismus, 'Entartung', 'Minderwertigkeit'). Die Gegenmaßnahmen zielten zum einem symbolisch auf Trockenlegung des Sumpfes, z.B. durch die Verbesserung der Wohnungssituation und Einführung der Normalfamilie statt der 'promisken' Sexualität“ (Link 1997 271).
Die Hygiene ist eine optimale Technologie der Disziplinierung, Regulierung und Normalisierung. Die Hygiene ist nicht nur ein medizinischer oder sozialpolitischer Diskurs über die Mortalität und Morbidität der Bevölkerung, sondern auch einer, der auf die Ordnung des Raumes und die Verteilung der individuellen Körper oder Bevölkerungsteile einwirkt. Während die öffentliche Hygiene Einfluß auf die Ordnung des städtischen Raumes und die Organisation der Stadt nimmt, richtet sich die private Hygiene an die individuellen Körper, die es zu disziplinieren gilt.


V. Hygienisierung des städtischen Raumes

Bei der Hygienisierung der Gesellschaft kommt der Architektur und dem Städtebau eine bedeutende Rolle zu. Die jeweils aktuellen, gesellschaftlich produzierten Hygienevorstellungen sollen durch die baulich-räumliche Gestaltung sozialer Lebensverhältnisse vermittelt werden. Innerhalb der Architektur und des Städtebaues dient die Hygiene sowohl als „Disziplinarinstrumentarium zur Durchsetzung bestimmter Hygieneansprüche, als auch als Kontrollinstrumentarium zur Erhaltung bzw. Durchsetzung der städtischen Funktionsfähigkeit“ (Arndt 1994, 7).
Diese städtische Funktionsfähigkeit wurde am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert als bedroht angesehen. Die demographische Entwicklung und die Industrialisierung stellten die ländliche Lebensweise der ZuwandererInnen und die traditionelle Lebensweise der städtischen Unterschicht in den Städten in Frage. Die kapitalistische Vergesellschaftung der Wohnungsfrage führte zu einer „Verslumung“ ganzer Stadtquartiere und die ökonomisch produzierte erhöhte menschliche „Dichte“ machte eine neue Strategie in der Bewältigung der städtischen Probleme notwendig:
„Die Großstadt platzt; der bewohnbare Raum (Wohnungen, Werkstätten, Immobilien, Straßen ...) und die städtische Morphologie (traditionell festgelegt durch die Kontrolle der Höhe, der Fluchtlinien, der Ausdehnung) können die Masse der Menschen, der Dinge, der Abfälle, der Keime und Defekte nicht mehr bergen, das Volumen und die Fläche reichen nicht mehr aus“ (Teyssot 1989, 16).
Es entstand eine neue Räumlichkeit der individuellen Körper, die nach dem Maß der Ausdünstungen definiert wurde, dazu gehörten auch die sozialen Gerüche: „Der Gestank der Armen“ (vgl. Corbin 1998, 189ff). Die neue, als notwendig gesehene, Distanz zwischen den Körpern wurde von einer neuen sensoriellen Intoleranz bestimmt. Daraus resultierte im 19. Jahrhundert eine Phobie vor dem Kontakt und den Gerüchen, vor der Verseuchung und der Ansteckung, vor dem Schmutz und dem Laster. Es entwickelte sich das Bedürfnis der Individuen auseinanderzurücken, sich Luft zu verschaffen und das Verlangen nach der Reinigung des öffentlichen Raumes.
Diese neue Wahrnehmung entwickelte eine Reihe von Diskursen über die öffentliche und private Hygiene mit dem Ziel neue regulierende Normen aufzustellen und sie als eine normative Ordnung der Hygiene durchzusetzen. In der praktischen Umsetzung stand zunächst die Reini-gung des öffentlichen Raumes auf der Tagesordnung. Zur Hygienisierung des städtischen Raumes wurden einige Forderungen aufgestellt: Pflastern, entwässern, belüften.
Mit der Entdeckung der Gesundheit als Produktionsfaktor wurde die Stadthygiene zu einem Feld der „Bio-Politik der Bevölkerung“. Im Mittelpunkt der biopolitisch motivierten Assanierung der Städte stand in den Industriestädten seit den 1870er Jahren der Bau von Wasserleitungen und Kanalisationen. Es ging zunächst darum, mit dem Ausbau großtechnischer Anlagen (z.B. Schlemmkanalisation) und mit hohem Kapitaleinsatz aus öffentlichen Geldern eine zentral initiierte, verwaltete und gesteuerte Reinigung der Stadt zu organisieren. Aufgrund dieser Strategie bildete sich im 19. Jahrhundert eine städtische Leistungsverwaltung als Infrastruktur heraus. Bei den städtischen Aufgaben im Bereich der Hygiene handelt es sich um die Wasserversorgung, Kanalisation, Müllentsorgung und um zentrale Schlacht- und Viehhöfe.
Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich die Sozialhygiene als ein Feld des Hygienediskurses heraus, die Sozialhygiene richtet ihren Blick in erster Linie auf endemische Krankheiten, d.h. auf die Häufung von Krankheiten in bestimmten Gruppen der Gesellschaft und deren „pathogene“ Lebensverhältnisse. Die Sozialhygiene als Wissensobjekt der Bio-Macht orientierte sich an der Theorie des „Soziallamarckismus“.
„Der soziallamarckistischen Position zufolge haben die Umweltbedingungen, unter denen ein Mensch lebt, direkten Zugang zu seinem Erbgut. (...) Es wurde nun angenommen, daß bestimmte pathologische Abweichungen vererblich werden, sich über Generationen hinweg ver-schärfen und sich schließlich in moralischem und physischem Verfall manifestieren, bis am Ende die Zerstörung so weit fortgeschritten ist, daß Unfruchtbarkeit und Untergang der Erblinie eintritt“ (Sieferle/Zimmermann 1992, 55).
Die Sozialhygiene geht also davon aus, daß die Verbesserung der Lebensverhältnisse positive Auswirkungen auf das „Erbgut“ der Bevölkerung hat. Innerhalb des urbanistischen Diskurses reagierte die Sozialhygiene auf das alte Problem der ungesunden städtischen Lebensverhältnisse.
„Die unhygienische Stadt wirkt somit im soziallamarckistischen Kontext als Ort der genetischen Verderbnis und der Verschlechterung der Bevölkerungsqualität, wobei diese Degeneration generationsübergreifend wird. (...) Die Erfolge der Stadthygiene kommen nicht nur der gerade lebenden Generation zugute, sondern indem sie deren Lebensbedingungen verbessern, stärken sie den erblichen Konstitutionstypus der Stadtbevölkerung, so daß auch künftige Geschlechter gesünder und kräftiger werden können“ (Sieferle/Zimmermann 1992, 57).
Daraus resultiert, daß jede Verbesserung der städtischen Hygiene einer Steigerung der Vitalität der Bevölkerung und der vererblichen Konstitution bedeutet, während eine weitere Verelendung die erbliche Substanz der Bevölkerung bedroht. Daraus entwickelte sich ein sozial-hygienischer Diskurs über die gesundheitlich relevanten Lebensumstände der urbanen Welt, dabei wurde die Gefährlichkeit enger, dumpfer und feuchter Großstadtquartiere betont. Aus dieser Perspektive waren somit sozialhygienische Sanierungskonzepte für die Elendsquartiere notwendig. Die geforderten Assanierungen der Wohnquartiere der unteren Schichten began-nen zögerlich. In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde zwar verstärkt diskutiert, aber nur wenig saniert. Doch während des Nationalsozialismus fanden umfangreiche Altstadtsanierungen statt, die nicht nur sozialhygienisch sondern auch sicherheitspolitisch motiviert waren.


VI. Die hygienische Wohnung und Wohnen als Technologie der Normalisierung

Während die öffentliche Hygiene hauptsächlich regulierende Effekte besaß, hatte die private Hygiene in erster Linie disziplinierende und normalisierende Effekte. Die ersten Ansätze zur Schaffung einer „gesunden“ Wohnung fallen mit einem Rückzug der Bourgeoisie in das traute Heim zusammen, die zu einer Konstitution einer Privatsphäre führt. Die Hygiene gehört damit in den Jahren 1750 bis 1850 zu den sozialen Praktiken der sich herausbildende „bürger-lichen Klasse“, die sich darüber sowohl vom Adel als auch vom „Volk“ abgrenzen will.
„Die Entfaltung der 'Haushygiene', die in zunehmendem Maße zu einer 'Familienhygiene' wird, ist - genau wie die Körperhygiene - nur eine Kehrseite des Rückzugs aus dem öffentlichen Leben. Ergebnis dieser Entwicklung ist eine der Medikalisierung des privaten Raums unterworfene Wohnform. Im Schutz seines Heims, fern vom Gestank der Armen und seinen Bedrohungen, will der Bourgeois sich der neuen Mode narzißtischer Genüsse hingeben und sich berauschen lassen von subtilen Körperbotschaften, die dem Gefühlsaustausch eine köstliche Note verleihen“ (Corbin 1988, 214f).
In diesem Kontext dient die Hygiene als ein Instrument der Individualisierung. Ebenso wie im städtischen Raum die sozialen Ausdünstungen zu einer neuen Räumlichkeit der Körper und zu einer sensoriellen Intoleranz führte, wurde in den 1840er Jahren vor der „Familienatmosphäre“ - den „gasförmigen Rückständen der Familie“ - gewarnt. Die „Familienatmosphäre“ setzt sich zusammen aus den individuellen Atmosphären, die sich im Haus entfalten. Jedes Haus besitzt demnach einen eigenen Geruch und seine in ihm verorteten endemischen Krankheiten. Dies verlangt eine Familien- und Körperhygiene, die die negativen Auswirkungen der „Hausatmosphäre“ korrigiert. Die individuellen Körper sollen so im Raum verteilt werden, daß sich die individuellen Atmosphären frei entfalten können, ohne daß eine Gefahr der gegenseitigen Ansteckung droht. Dies führt zur Schaffung eines individuellen privaten Raumes in der bürgerlichen Wohnung. Die Angst vor den sozialen Ausdünstungen der eige-nen Familienangehörigen führt zu einer Individualisierung innerhalb der bürgerlichen Familie. Durch diese Individualisierung verwandelt sich auch das Verhältnis zum eigenen Körper. Die körperliche Reinlichkeit gewinnt innerhalb der wohlhabenden und gebildeten Schichten zunehmend an Bedeutung. Die neuen Auffassungen der häuslichen Hygiene führten zu Richtlinien für die Normierung des häuslichen Raumes. Zu diesem Zeitpunkt war diese Ordnung der bürgerlichen Familie und Wohnung für die unteren Schichten noch völlig undenkbar. Aufgrund der Organisation der (sub-)proletarischen Familie und deren räumlichen Ressourcen und die dadurch bedingte erhöhte menschliche Dichte sowohl im Stadtquartier als auch in der Wohnung selber waren die bürgerlichen Familien- und Köperhygienestandards zunächst nicht umsetzbar. Die Familien der unteren Schichten hatten angesichts dieser Wohnverhältnisse - in der damaligen Wahrnehmung - kaum eine Chance, der Krankheitsgefahr zu entrinnen.
„Die Skrofeln des Knaben, die Bleichsucht des jungen Mädchens sind in der Geruchslandschaft ihres Zuhauses bereits enthalten. In seinen Wirkungen kommt der Gestank der Armen einer erblich belasteten Entartung gleich“ (Corbin 1988, 217).
Die Wohnverhältnisse der unteren Schichten lenkten die Aufmerksamkeit des hygienischen Diskurs auf die Enge des Raumes und auf die mit Menschen überfüllten Örtlichkeiten. Die „Enge“ und die „Überfüllung“ wurden als ein Problem angesehen, das der dringenden Notwendigkeit einer allgemeinen Regulierung Nachdruck verleiht.
In den Gefängnissen und Spitälern und auf den Schiffen wurden Techniken und Strategien experimentell entwickelt, mit dem eine Hygienisierung der (sub-)proletarischen Familien möglich wurde. Die Hygiene, zunächst als soziale Praxis der Selbstkonstituierung des „bürgerlichen Individuums“ fungierend, diente nun der Normalisierung der (sub-)proletarischen Familien, die eingebettet ist einen Prozeß „der 'Normalisierung' von Räumen und intimen Verhaltensweisen, der 'Moralisierung' der Bewohner (...), ein Prozeß, der auf der Grundlage der Techniken der Überwachung der Triebe und der Beherrschung der Wünsche beruht und das Ziel anstrebt, alle und jeden dazu bringen, sich dem Zyklus von Produktion-Konsumtion-Produktion zu unterwerfen“ (Teyssot 1989, 14).
Dieser Prozeß konnte aber nur in Gang gesetzt werden, wenn die Unterbringung von Menschen staatlich reguliert wird und nicht ausschließlich dem „freien Markt“ überlassen bleibt. So war eine Voraussetzung der Normalisierung der (sub-)proletarischen Familien die staatliche Regulation der Wohnungsfrage, die in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in den europäischen Staaten begann. Die „Sozialwohnung“ hatte, neben der Bereitstellung billigen Wohnraumes vor allem die Funktionen der Familisierung, Moralisierung und Normalisierung der (sub-)proletarischen Haushalte. Damit die „Sozialwohnung“ die ihr auferlegten Funktionen erfüllen kann, muß sie einige Kriterien erfüllen. Zur Familisierung muß die Wohnung so klein sein, daß keine „Fremde“ bzw. kein „Fremder“ darin wohnen kann. Zur Moralisierung und Hygienisierung muß der Familienraum groß genug sein, daß getrennte Räume für die Eltern und für die Kinder, möglichst nach Geschlechtern getrennt, eingerichtet werden können. Die Räume sollen so angeordnet sein, daß die Eltern die Möglichkeit haben ihre Kinder zu überwachen und zu kontrollieren, dagegen darf das elterliche Schlafzimmer für die Kinder nicht einsehbar sein. Aus hygienischen Gründen aber auch im Interesse der Familisierung wurde gefordert, daß jede Wohnung - und damit auch jede Familie - ein eigenes Bad bekommt. Die „Sozialwohnung“ steht dadurch vor folgendem Problem:
„Einen Raum einrichten, der groß genug ist, um hygienisch zu sein, klein genug, damit nur eine Familien ihn bewohnen kann, und so unterteilt, daß die Eltern die Kinder überwachen können“ (Donzelot 1980, 57).
Aufgrund dieser Anforderungen an die „Sozialwohnung“ entwickelten sich die Diskurse von der Kleinwohnungsfrage Ende des 19. Jahrhunderts bis zur „Wohnung für das Existenzminimum“ in den 1920er Jahren. In den Jahren 1880 bis 1930 sollte also der Typ Wohnung entstehen, der den Funktionen der Familisierung und der Normalisierung am besten gerecht werden sollte. In den 20er Jahren wurden mit dem Diskurs des Neuen Bauens die Grundlage für die Wohnung als Raum der Disziplinierung und Normalisierung gelegt.


VII. Neues Bauen und Neues Wohnen als protonormalistische Wohnform

Obwohl schon seit den 1880er Jahren versucht wird, durch Werkssiedlungsbau und den kommunalen Wohnungsbau Einfluß auf die Familien-, Wohn- und Lebensform der proletarischen Familien zu nehmen, hatte sie bis zu Beginn der 20er Jahre dieses Jahrhunderts nicht viel erreicht. In der Regel wurde durch diese Maßnahmen nur Angestellte, Beamte und qualifizierte Facharbeiter und ihre Familien erreicht, die Masse der ArbeiterInnen und ihrer Familien wurden nicht erreicht. Die Wohnbedingungen der meisten waren schlecht, und die individualisierende und disziplinierende „Normalfamilie“ war noch nicht durchgesetzt. Die städtischen ArbeiterInnenquartiere waren immer noch von einer unglaublichen Dichte geprägt, die hygienische Situation war schlecht, und in den Augen der bürgerlichen Klasse herrschten dort Unmoral und sexuelle Promiskuität. In den 20er Jahren begann ein großer Angriff auf die proletarischen Lebensformen. Sie begannen mit dem Neuen Bauen, daß noch heute vielen StadtplanerInnen und ArchitektInnen als sozialrefomerisches Vorbild betrachtet wird, wurde von den NationalsozialistInnen mit der Sanierung von Altstadtquartieren vorgesetzt und endet in den Großsiedlungen der Bundesrepublik und der DDR (vgl. Mümken 1996). Die Hygienisierung der Wohnung und die Durchsetzung der „Normalfamilie“ soll jetzt am Beispiel des Neuen Bauens der 20er Jahre deutlich gemacht werden.
Die Utopie der hygienischen und funktionalen „Wohnung für das Existenzminimum“ ist eingebettet in den allgemeinen Diskurs über die Taylorisierung der Produktion und der Normierung der produzierten Güter. Der Wohnungsbau und die Bauwirtschaft hatten in den 20er Jahren eine Vorreiterrolle für den im Entstehen begriffenen Fordismus (vgl. Mümken 1996, 74-75). In diesem Kontext steht die industrielle Normierung mit der Normalisierung der Gesellschaft in einem engen Zusammenhang. Neben der Rationalität und Funktionalität hatte bei der neuen Wohnung die Hygiene eine zentrale Bedeutung.
„Die (...) hygienische Wohnung soll durch eine sorgfältige Erforschung biologischer Grundlagen des Wohnungsbaus entwickelt werden, um bei größtmöglicher Zweckmäßigkeit und mi nimalen Aufwand und Raum, jeder Menschengruppe die ihr entsprechende 'Ration Wohnung' in möglichst vollkommener Weise zu beschaffen. Dabei soll die optimale Ausnutzung vor allem durch die Normierung der Grundrisse, aller Bauelemente und der gesamten Einrichtung erreicht werden“ (Arndt 1994, 26).
Für die Ordnung der hygienischen Wohnung sind neben der Normierung und Monofunktionalität der Räume, der Trennung von Gesellschaftsräumen und Intimbereich, die verwendeten Materialen von zentraler Bedeutung:
„Stahlrohr, Glas, metallische und keramische Platten für die Objekte und Oberflächen sollten Licht in alle Winkel der Wohnung reflektieren und unkontrollierbare, verborgene Bereiche ausschalten. Gegen die kritisierte 'Kälte' des Metalls wurde die Helligkeit, das Reflexions-vermögen, die Hygiene und die leichte Reinigung des Materials betont“ (Pollak 1996, 60).
Die neuen industriellen Materialien erleichtern nicht nur die Sauberhaltung der Wohnung und Einrichtung, sondern dienten auch der Vermittlung der utopischen Hygienevorstellung des Neuen Bauens und stellten die „Modernität“ der neuen Wohnung dar. Die „industriellen Materialien transformierten die Wohnung in einen klinischen Mechanismus“ (Pollak 1996, 60), in dem die Erhöhung des Standards im Bezug auf die Küche und das Bad „eine ideologische Codierung einer neuen Weiblichkeit - im Sinne von Hygiene, Kindererziehung, Essenszubereitung etc.“ (Pollack 1996, 61) implizierte.
„Körperliche Hygiene und Hygiene der Objekte verwandeln Küche und Bad mit ihren vor-mals freistehenden Einrichtungen in einen möglichst effizienten, kontrollierbaren Arbeitsraum. Während die restliche Wohnung mit mobilen Objekte auszustatten war, sollten gerade jene traditionell der Frau zugeordneten Orte in Form von fixen Einbaukästen mit genau fixierten Abläufen Konstanten der Wohnung bleiben. Die Eliminierung der Wohnküche sowie die Zuordnung des Bades zu den Schlafräumen definierte die exakte Grenze zwischen der notwendigen körperlichen Tätigkeit im Haus und der Wahrung des abstrakten Schemas des modernen Hauses“ (Pollak 1997, 61).
Die Abtrennung der Küche vom restlichen Wohnraum wurde auch aus hygienischen Gründen gefordert. Für die Hygiene in der Küche stellten sich einige Fragen: Wie kann Verschmutzung verhindert werden? Läßt sich auch alles leicht reinigen“? In der Küche sollte eine klinisch-sanitäre Sauberkeit herrschen, die durch „hygienische“ Materialien wie Kacheln, Glas, Aluminium und andere Metalle erreicht werden sollte. Damit sich nirgendwo Staub und Schmutz ansammeln kann, müssen die Möbeloberflächen glatt und porenlos sein, denn in jede Ritze und in jede Fuge kann sich Staub sammeln. Die neuen Anforderungen an die Reinlichkeit der hygienischen Küche haben den Pflegeaufwand erhöht, so ist es auch nicht verwunderlich, daß die erste „Meister-Proper-Version“ nicht lange auf sich warten ließ. Es muß nicht gesagt werden, daß auch in der Utopie des Neuen Bauens die Frau verantwortlich für die Hausarbeit und somit auch für die Sauberhaltung der Küche war, der Frau kommt innerhalb des Neuen Bauens bei der sozialen Vermittlung der Hygienevorstellungen eine zentrale Rolle zu. Die Vorstellungen über Sauberkeit, Gesundheit, Sittlichkeit und Moral sollen durch die Frau „ins Volk“ gebracht, verallgemeinert und internalisiert werden.
„Die Disziplinierung der Frau zur sozialen Vermittlung von Hygiene findet ihren Ausdruck in einer systematischen Medikalisierung und Hygienisierung der Frau, ihrer Krankheiten, Psyche und Gebärfähigkeit und des weiblichen Alltags. Ihr Ziel ist die Perfektionierung der Hygiene zur 'eigenen' weiblichen Aufgabe. Die von außen gestellten moralisch-sittlichen Hygieneanforderungen sollen internalisiert werden. Einer weiblichen Selbstdisziplinierung und Selbsterziehung zur Hygiene kommt daher eine hohe Bedeutung zu“ (Arndt 1994, 65).
Neben der Hygiene dient das Konzept der rationellen Hauswirtschaft als Instrumentarium zur Disziplinierung der Frau:
„Die Erziehung der Frau zur Hygiene-Expertin hängt eng mit der Verwissenschaftlichung und Rationalisierung der Hausarbeit zusammen. Das Konzept der Rationalisierung geht da-von aus, die Arbeitsabläufe im Haushalt durch die Übertragung der arbeitswissenschaftlichen, tayloristischen Grundsätze auf die Hausarbeit ebenso wie in der Fabrik strukturieren, organisieren und dadurch rationalisieren zu können. Ziel der Rationalisierung war die Leistungsfähigkeit und Arbeitsfreude der Hausfrau zu steigern. Durch den erzielten Zeitgewinn sollte die Frau von überflüssiger 'unschöpferischer' Hausarbeit zugunsten 'schöpferischer' Arbeit befreit werden“ (Arndt 1994, 70).
In Zentrum dieser Taylorisierung des Haushalts stand die Ordnung der Küche, durch die Neuorganisation der Arbeit, sollte diese leichter und schneller zu bewältigen sein. Die Küche sollte organisiert sein „wie ein Apotheke, wo jedes Fläschchen und jede Kleinigkeit sein ganz besonderes Fläschchen und jede Kleinigkeit sein ganz besonderes Gefach oder seinen ganz bestimmten Platz hat, mit genauer Aufschrift, alles womöglich auf ein und dieselben Maße (...) Die eingebauten Schränke sollten Glastüren haben, auch alle Gewürze und sonstige Dinge, wie Tee, Kakao usw., die man in Dosen aufhebt, sollte man in Glasdosen geben, mit der da-zugehörigen Aufschrift, wie in der Apotheke“ (Schütte-Lihotzky zitiert nach: Arndt 1994, 26).
Dieses System sollte in der Küche zu einer permanenten kontrollierbaren Ordnung und Sau-berkeit führen. Damit Fliegen von den Küchenmöbeln ferngehalten wurden, verwendete Grete Schütte-Lihotzky blaue Farbe. Die von Grete Schütte-Lihotzky in Zusammenarbeit mit Haus-frauen entwickelte „Frankfurter Küche“ wurde zum Leitbild für die Rationalisierung des Haushalts, sie war streng nach tayloristischen Prinzipien entwickelt worden. Es wurden Küchen für den Haushalt ohne Hausgehilfin, mit einer oder zwei Küchengehilfinnen entworfen, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen zu können. Als „Frankfurter Küche“ wird die Küchenart ohne Gehilfin bezeichnet, sie wurde zum Leitbild für die fordistische Küche. Diese „ideale Küche“ sollte klein und kompakt sein. Das Kochen oder andere Arbeiten, die in der Küche zu verrichten sind, könne aus Platzgründen nur von einer Person - in der Regel die Frau - verrichtet werden. Der Arbeitsplatz der Hausfrau wird dadurch vom Raum der Familie abgetrennt. In den Jahren 1926 bis 1930 wurde etwa 10.000 Küchen nach dem Modell der „Frankfurter Küche“ verkauft (vgl. Mümken 1996, 83ff).
„Die vom Neuen Bauen wissenschaftlich legitimierte 'Normwohnung' erfordert ein 'normalisiertes', dem Naturbedürfnis des Menschen angeblich entsprechendes Bewohnerverhalten. Es wird vorgegeben, die menschliche Gesundheit bedürfe reiner, sauberer, heller, klarer und karger Räume; der Mensch könne seine Persönlichkeit nur in der Normwohnung entfalten. (...) Vor allem durch die Monofunktionalität und die Reduktion auf ein Minimum stellt die hygienische Wohnung eindeutige Verhaltensanforderungen. Ihre räumliche Anordnung, Einrichtung und sonstige Ausstattung läßt keine individuellen Spielräume“ (Arndt 1994, 43).
Die Disziplinierung und Normalisierung durch die monofunktionale Ausrichtung der Räume wurde durchaus bewußt und gezielt eingesetzt. Eugen Kaufmann forderte bei der Größenbe-messung der einzelnen Räume darauf zu achten, „daß jede Raum nur seiner von vornherein zugedachten Bestimmung gemäß genutzt werden konnte“ (zitiert nach: Arndt 1994, 43).
Aufgrund der Erfahrungen mit der „Wohnung für das Existenzminimum“ fand Anfang der 40er Jahren eine Normierung und Typisierung von Grundrissen für ein Nachkriegswohnungsbauprogramm unter der Leitung des „Reichskommissars für den sozialen Wohnungsbau“ Robert Ley statt, die dann in den 50er Jahren durch das Erste und Zweite Wohnungsbaugesetz rechtlich verankert wurden, und Grundlage für den „Sozialen Wohnungsbau“ in der Bundesrepublik wurde (vgl. Mümken 1996, 123ff und 140ff).


VIII. 1968 - Kulturrevolution gegen den die protonormalistische Vergesellschaftung und gegen das „normale“ Leben

1968 soll uns hier nur als kulturrevolutionäre Bewegung, die im Kern antinormalistisch bzw. transnormalistisch war, interessieren. Doch die Opposition gegen den Protonormalismus begann nicht erst '68, sondern schon bei den „Halbstarken“ und der „Beat-Generation“ der 60er Jahre. Zunächst Elvis Presley und später die Beatles und die Rolling Stones spielten eine große Rolle. Lange Haare waren ein sichtbarer Ausdruck des Protestes. Ablehnung der bürgerli-chen Kleinfamilie, neue Formen zu Leben, sexuelle Freiheit, Ablehnung der Fabrikarbeit, Drogen stellten ein Angriff auf das „normale Leben“ dar.
„Den kulturrevolutionären Studenten standen zwei verschiedene Arten von 'Verteidigern' der Normalität' gegenüber: die sog. 'Konservativen' und die sog. 'Reformern'. Die 'Konservativen' (...) hielten die ganze Rebellion für 'Wahnsinn', als Anormalität im psychiatrischen Sinne, und verteidigten die Normalität des status quo ante. Die 'Reformer' dagegen ließen sich auf das Spiel mit der Verschiebung der Normalitätsgrenzen ein, weil sie in der Flexibilisierung des Kontinuums einen großen Fortschritt erblickten, sofern man nur das völlige Zerbrechen dieses Kontinuums zu verhindern wüßte“ (Link 1997, 29). Die „Konservativen“ wollten demnach an der protonormalistische Strategie festhalten, während sich die „Reformer“ auch einen Flexiblen-Normalismus vorstellen konnte. Ein Teil der StudentInnen „erblickten in den flexiblen Normalisten ihre gefährlicheren Gegner, während sie davon ausgingen, daß die Pro-tonormalisten ihnen als nützliche Idioten wider willen dienen müßten. Die Warnung der Re-bellen vor der 'récupération' (Vereinnahmung; wörtlich Rückgewinnung, Wiederverwertung, Wiederauffangen, z.B. einer Laufmasche) meinte eben nichts anderes als die Warnung vor fle-xibler Normalisierung“ (Link 1997, 30). Den „Reformern“ ist es gelungen einen Deichbruch der Normalitätsgrenzen zu verhindern. In Klartext heißt dies, die antinormalistische Kulturrevolution der 68er-Bewegung hat in den westlichen Industriestaaten den flexiblen Normalismus zum Durchbruch verholfen. Selbst die subversiven und kulturrevolutionären Musikrichtungen konnten integriert werden. An Elvis Presley, den Beatles oder den Rolling Stones ist heute nichts antinormalistische dran, aber auch spätere sub- und gegenkulturelle Bewegungen wie Punk, HipHop oder Techno konnten aufgrund der flexiblen normalistische Strategie, wenn nicht immer integriert, so doch zumindest neutralisiert werden. Das was der flexible Normalismus nicht toleriert sind illegale Aneignungsformen von Räumen. Eigentum ist und bleibt in kapitalistischen Gesellschaften protonormalistisch. Die Neuen sozialen Bewegung in Folge der 68er-Bewegung entstanden waren dann schließlich auch damit beschäftigt die Normalitätsgrenzen zu verschieben, z.B. bei den Kämpfen von Schwulen und Lesben.
Postfordistische Krisenbewältigungsstrategien des Kapitals wären ohne den flexiblen Normalismus in der jetzig praktizierten Form der Flexibilisierung auf allen Bereichen nicht möglich. Der Kapitalismus war in der Lage, die kreativen Kräfte und Ideen seiner GegnerInnen für sei-ne eigene Modernisierung zu nutzen. Die bis zum Schluß protonormalistischen Staaten in Osteuropa sind u.a. auch daran gescheitert, daß sie nicht in der Lage waren ihre GegnerInnen innovativ im System einzubinden wie der Westen, hier sei nur der „lange Marsch durch die Institutionen“ erwähnt.
Für das Wohnen bedeutete die neue flexible Normalisierung, daß heute das Wohnen in Wohngemeinschaften normal ist, aber der staatliche geförderte Mietwohnungsbau oder Eigenheim sich immer noch an die patriarchal-strukturierte bürgerliche Kleinfamilie richtet, die auch ihre Widerspiegelung in den Grundrissen findet. Daneben gibt es aber auch Gelder für experimentelles Bauen, in denen auch mit neuen Lebens- und Wohnformen experimentiert werden kann. In diesen Wohnbauprojekten wird auf die Differenzierung gewählter und aufge-zwungener Lebensstile reagiert. Alleinerziehende, Behinderte, die selbstbestimmt leben wollen oder ältere Menschen, die sich nicht in Altersheimen oder Seniorenwohnsitzen abschieben lassen wollen, reagiert.


IX. Leben im Bauwagen: Postmoderne Vielfalt oder Subversion?

Ist das Leben im Baumwagen in den 90er Jahren ein Ort antinormalistischen Wohnens oder Bestandteil einer postmodernen Vielfalt. Obwohl ein Bauwagen Räder hat, sollten wir die Wagendörfer nicht mit den mobilen Lebensformen der Sinti und Roma, der Wander- und Saisonarbeiterinnen, der Travellers in Irland oder mobile homes in Nordamerika verwechseln. Die Sozialstruktur der verschiedenen Plätze ist sehr differenziert (vgl. Sambale/Veith 1998, 71ff), erwähnen möchte ich hier nur, daß einige aus der Not heraus in einem Bauwagen leben und andere diese Lebensform „freiwillig“ wählen. Wagendörfer sind „in ihrer sozialen Struktur, ihren Entscheidungsprozessen, ihrer Binnensolidarität und ihrer Kritik an den dominanten Lebensformen mit Hauskollektiven oder großen Wohngemeinschaften vergleichbar“ (Sambale/Veith 1998, 74). Da aber Kommunen, Hauskollektive und Wohngemeinschaften sich im innen Raum des flexiblen Normalismus liegt, kann die Wohnform nicht der Grund für die Räumungen von Wagenplätzen sein.


X. Literatur

- Arndt, Konstanze: Weiss Rein Klar. Hygienevorstellungen des Neuen Bauens und ihre soziale Vermittlung durch die Frau, Kassel 1994
- Canguilhem, Georges: Das Normale und das Pathologische, München 1974
- Corbin, Alain: Pesthauch und Blütenduft. Die Geschichte des Geruchs, Berlin 1988
- Donzelot, Jacques: Die Ordnung der Familie, Frankfurt am Main 1980
- Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1977
- Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt am Main 1983
- Foucault, Michel: Leben machen und sterben lassen. Die Geburt des Rassismus. In: Reinfeldt, Sebastian / Schwarz, Richard / Foucault, Michel: Bio-Macht, DISS-Texte Br. 25, Duisburg 1992
- Foucault, Michel: Die Maschen der Macht. In: Freibeuter 63 - März 1995
- Nam, Un: Normalismus und Postmoderne. Diskursanalyse der Gesellschafts- und Geschichtsauffassung in den Gedichten Hans Magnus Enzensbergers, Frankfurt am Main 1995
- Huber, Victor Aimé: Die Wohnungsnoth der kleinen Leute in grossen Städten, Leipzig 1857
- Lemke, Thomas: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Berlin/Hamburg 1997
- Link, Jürgen: Grenzen des flexiblen Normalismus? In: Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Grenzmarkierungen. Normalisierung und diskursive Ausgrenzung, Duisburg 1995
- Link, Jürgen: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Opladen 1997
- Mümken, Jürgen: Kapitalismus und Wohnen. Ein Beitrag zur Geschichte der Wohnungspolitik im Spiegel kapitalistischer Entwicklungsdynamik und sozialer Kämpfe, unveröffentliche Studien- und Projektarbeit am Studienbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung an der Gesamthochschule Kassel, Kassel 1996
- Mümken, Jürgen: Die Ordnung des Raumes. Die Foucaultsche Machtanalyse und die Trans-formation des Raumes in der Moderne, Pfungtstadt/Bensheim 1997
- Mümken, Jürgen: Keine Macht für Niemand. Versuch einer anarchistischen Aneignung des philosophischen Projektes von Michel Foucault. In: Schwarzer Faden Nr. 63 - 1/1998
- Nam, Un: Normalismus und Postmoderne. Diskursanalyse der Gesellschafts- und Geschichts-auffassung in den Gedichten Hans Magnus Enzensbergers, Frankfurt am Main 1995
- Pollak, Sabine: Körperpraktiken. Codierungen der Technokultur. In: Zimmermann, Gerd (Hrsg.): Als ob. As If: Fiktionen in der Architektur. Fiction in Architecture, Weimar 1996
- Sambale, Jens / Veith, Dominik: Berliner Wagenburgen: Transformation peripherer Räume, Stigmatisierung sozialer Gruppen und die Abwehr von Marginalisierung. In: Prokla 110, S(t)andOrt Berlin, März 1998
- Sieferle, Rolf Peter / Zimmermann, Clemens: Die Stadt als Rassengrab. In: - Smuda, Manfred (Hrsg.): Die Großstadt als „Text“, München 1992
- Teyssot, Georges: Die Krankheit des Domizils. Wohnen und Wohnungsbau 1800-1930, Braunschweig/Wiesbaden 1989