Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

4-Stunden-Liga
Vierstundentag! * Voller Lohnausgleich! * Vollständige Personalaufstockung!

Am 1. Mai riefen die August Spies Brigade und die Anarchistische Aktion und Organisierung (A&O) zum Block der 4-Stunden-Liga auf der 1.-Mai-Demonstration in Kassel auf. An dem antiautoritären Block beteiligten um die 60 Menschen. Die Forderung nach dem 4-Stunden-Tag hat eine historische Vorgeschichte.

1884 beschloss der nordamerikanische „Kongress der föderierten Gewerkschaften und Arbeitervereine“ (später „American Federation of Labor“) die Forderung nach dem Achtstundentag als zentrales Motiv der künftigen Arbeitskämpfe. Die Verringerung des (meist 10stündigen) Arbeitstages um zwei Stunden erschien den Anarchist*innen als reformistisch, trotzdem unterstützen sie die Kampagne. Die seit 1860 bestehende Forderung sollte am 1. Mai 1886 mit landesweiten Streiks endlich durchgesetzt werden. In Chicago organisierte die „Central Labor Union“ am Sonntag vor dem 1. Mai eine Großdemonstration mit rund 25.000 Teilnehmer*innen. Am 1. Mai selbst streikten in den Industriezentren der USA über 300.000 Arbeiter*innen, allein in Chicago legten 40.000 die Arbeit nieder und auf der Straße vereinigten sich 80.000 Demonstrant*innen. Wenige Tage später am 4. Mai fand hier das bekannt geworden Massaker vom Haymarket statt, bei dem durch eine von einem bis heute Unbekannten geworfene Bombe ein Polizist ums Leben kam und in einer folgenden Schießerei 6 Polizisten und 7 oder 8 Arbeiter*innen getötet wurden. In einem anschließenden Schauprozess wurden sieben Anarchisten zum Tode verurteilt, von denen dann 5 hingerichtet wurden, darunter der in Friedewald (Nordhessen) geborene August Spies (1855-1887).

Jetzt, 131 Jahre später, ist Zeit für eine weitere radikale Arbeitszeitverkürzung: den 4-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich und Personalausgleich. Denn bereits 1967 stellte Rudi Dutschke fest: Heute „arbeiten unsere Arbeiterinnen und Arbeiter und Angestellten lumpige vier, fünf Stunden weniger pro Woche. Und das bei einer ungeheuren Entfaltung der Produktivkräfte, der technischen Errungenschaften, die eine wirklich sehr, sehr große Arbeitszeitreduzierung bringen könnten, aber im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsordnung wird die Arbeitszeitverkürzung, die historisch möglich geworden ist, hintangehalten, um Bewusstlosigkeit – das hat etwas mit der Länge der Arbeitszeit zu tun – aufrechtzuerhalten.“

Sicherlich ist der Vier-Stunden-Tag eine reformistische Forderung – wie der 8-Stunden-Tag in Chicago –, denn das Ziel bleibt die Abschaffung/Aufhebung der Lohnsklaverei. Trotzdem ist es auch aus anarchistischer Perspektive sinnvoll für den 4-Stunden-Tag zu kämpfen:

„Schon damals hatten die Anarchist*innen vor, nach dem 8-Stunden-Tag den 4-Stunden-Tag erkämpfen zu wollen. Wir schließen uns dieser Forderung an. Eine Forderung, die wir nicht an die Herrschenden richten, sondern an uns selbst und an alle, die mitmachen möchten. In einer befreiten Gesellschaft arbeitet jede*r nach ihren oder seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten, selbstbestimmt, kollektiv, hierarchiefrei, sicher und sozial. Die heutige Arbeit im kapitalistischen System ist entfremdet, hierarchisch, fremdbestimmt, prekär, gefährlich, und oft sinnlos. Nur wenn wir Kapitalismus und Autorität gemeinsam zerschlagen, kommen wir dem Traum einer befreiten Gesellschaft näher.“ (A&O in ihrem Aufruf zum 1. Mai)

Die konkrete Existenz des Menschen ist aber nicht die Arbeit (und auch nicht das Konsumieren): „Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muß das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren. Das Kapital muß das Leben in Arbeitskraft synthetisieren, was Zwang impliziert: den des Systems der Beschlagnahme“ (Michel Foucault). Die Zeit ist nicht nur ein Feld der Herrschaft, sondern auch des Kampfes. Holen wir unser das Leben zurück, verwandeln wir Arbeitszeit wieder in Lebenszeit, über die wir frei verfügen können, ohne jeden Leistungsgedanken und an irgendeine Nützlichkeit für das System oder für uns zu denken. Bei dem Vier-Stunden-Tag geht aber um mehr als nur weniger zu arbeiten und die Zurückeroberung des Lebens, deshalb noch mal einen Auszug aus dem Aufruf der Vier-Stunden-Liga:

„[…] Die 4-Stunden-Liga stellt sich gegen die Vergeudung des Lebens durch Lohnarbeit. Wir wollen unsere Zeit zurück, wir wollen gelebte Zeit und ein gutes Leben im Hier und Jetzt! Und zwar für alle! Die 4-Stunden-Liga fordert eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit, um ein erfülltes, solidarisches, auf gegenseitigem Respekt beruhendes und demokratisches Leben zu ermöglichen! Wir fordern den Vierstundentag bei vollem Lohn- und Personalausgleich! Zahlen muss das Kapital!

[…] Er könnte so schön sein, der technische Fortschritt: Die Plackerei könnte der Vergangenheit angehören und alle könnten die schönen Dingen des Lebens genießen. Stattdessen regiert der harte Imperativ der Zeit: Erlaubt der technische Fortschritt die Produktion von mehr Gütern in kürzerer Zeit, so ist dies kein Anlass zur Freude, nun weniger arbeiten zu müssen. Vielmehr entwickelt sich daraus der Zwang für alle anderen, nun mindestens ebenso effizient zu produzieren. Ein irrationales System, das zu Überproduktion, Einkommensverlust und Arbeitslosigkeit führt und uns zu permanenter Anpassung und Leistungssteigerung drängt. […]

Der Arbeitsprozess fordert heute unsere persönlichsten Eigenschaften ein. Flexible Arbeitszeiten, selbstbestimmte Arbeitsgruppen und Leistungsanreize haben nicht nur das Ziel, die Organisation der Produktion zu transformieren, sondern unsere individuellen Bedürfnisse, unsere Glücksvorstellungen, unsere Kreativität und Autonomie, mit den Anforderungen der Arbeitswelt zu verschmelzen. Bereitwillig telefonieren wir dann schon mal beim Abendessen mit unseren Vorgesetzten wegen des Dienstplans oder springen aus unserer Freizeit heraus und für den Betrieb ein, wenn es einen Engpass gibt.

Der Kapitalismus steht derzeit an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution. Nach Mechanisierung, Industrialisierung und Automatisierung folgt nun die Digitalisierung. Über »Arbeit 4.0« wird momentan viel geredet. Es geht um die unternehmerische Utopie der »intelligenten Fabriken«, eine durch Technikanwendung weitgehend selbstorganisierte Produktion. Während sich das Kapital neue Wachstumsschübe und mehr Profite verspricht, wird dies auf der anderen Seite zu einer weiteren Flexibilisierung und Entgrenzung der Arbeit führen. Erst jüngst haben die Wirtschaftsverbände wieder zum Angriff auf den Achtstundentag geblasen. Dabei kann die Nachfrageentwicklung schon seit Jahrzehnten nicht mehr mit der Steigerung der Produktivkräfte mithalten. Diese Schere wird immer größer und bedeutet den Verlust von Arbeitsplätzen. Klimawandel und die Endlichkeit natürlicher Ressourcen machen zudem deutlich, dass eine Steigerung der Nachfrageseite zumindest in den reichen Industrieländer auch nicht erstrebenswert ist, im Gegenteil: hier müssten weniger Rohstoffe und weniger Energie verbraucht werden. Die reichen Industrieländer müssen unproduktiver werden, nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern vor allem auch um ärmeren Ländern Räume und Möglichkeiten zur Entwicklung zu eröffnen. […]“

Für den 4-Stunden-Tag, für die soziale Revolution! Es lebe die Anarchie!