Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Wider die »freiwillige Knechtschaft«

Für die Menschen, die zur Erhaltung ihrer Lebensgrundlage gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, war und ist weder der klassische Liberalismus des 19. Jahrhundert noch der gegenwärtige Neoliberalismus eine gute Zeit. Sie haben weder vom einen noch vom anderen etwas zu erwarten. Freiheit heißt (Selbst-) Anpassung an die Marktlogik. Und mit sozialer Gerechtigkeit hat der (Neo-)Liberalismus nichts zu tun.
Wir leben in einer »Postdemokratie« (Colin Crouch), in der es zwar noch die Institutionen der bürgerlich-liberalen Demokratie gibt, die aber weder von PolitikerInnen noch den BürgerInnen mit demokratischem Leben gefüllt werden.
Diese neoliberalen »Freiheiten« erlauben, so hebt Robert Castel hervor, neue Formen der Kontrolle, die weder über autoritäre Repression noch über wohlfahrtsstaatliche Integration operieren. Neoliberale Technologien versuchen auf die Selbstregulierungspraktiken von Individuen und sozialen Gruppen einzuwirken, um diese dann mit der ökonomischen Profitmaximierung und gesellschaftlichen Zielen zu verbinden. Innerhalb der Selbstregulierungspraktiken, die eine »freiwillige« Selbstoptimierung darstellen, verlieren Begriffe wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung ihren emanzipatorischen Gehalt. Die »Selbstbestimmung« der Individuen wird zu einer zentralen ökonomischen Ressource und einem Produktionsfaktor in der Wertschöpfungskette. Für Peter Miller und Nikolas Rose heißt dies: »Die Werte der Selbstverwirklichung, die Fähigkeit der Selbstdarstellung, der Selbstlenkung und des Selbstmanagements sind sowohl persönlich verlockend als auch ökonomisch wünschenswert.«
Der Liberalismus 2.0 von Robert Misik basiert letztendlich auf der Illusion eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, den es aber nicht geben kann. Irgendwo auf der Welt werden Menschen diesen Liberalismus 2.0 der westlichen Welt mit Krieg, Unfreiheit oder Armut bezahlen müssen. Auch ein »linker Liberalismus« gründet auf einer kapitalistischen Vergesellschaftung, und diese basierte schon immer auf Ausbeutung und Unterdrückung. Nur dass diese Verhältnisse heute von vielen für Freiheit gehalten werden und die Menschen deshalb die »freiwillige Knechtschaft« als ihr Glück ansehen, die sie mit aller Kraft verteidigen. Jede Form des Liberalismus ist letztendlich nur eine Spielart der »freiwilligen Knechtschaft«, die schon immer eine wesentliche Grundlage von Herrschaft war.
Robert Misik schwebt mit seinem »linken Liberalismus« sicherlich eine Gesellschaft vor, die gerechter und freier ist als die Bestehende, der Bezug auf den Liberalismus überzeugt aber nicht. Es geht nicht um einen Antiliberalismus, der in einer engen Beziehung mit dem Antikommunismus, Antisemitismus und Antiamerikanismus steht - vier Anti-ismen mit einer großen Schnittmenge. Der Antiliberalismus ist ein Feind der Freiheit, und der Liberalismus reduziert die Freiheit auf den ökonomischen Nutzen.
Freiheit finden wir nur jenseits des Liberalismus in einer libertären Gesellschaft. Dieser Freiheitsbegriff kann hier in aller Kürze nicht dargestellt werden. Deshalb lasse ich den russischen Anarchisten Michael Bakunin sprechen: »Für den Menschen bedeutet frei sein, von einem anderen Menschen, von allen ihn umgebenden Menschen als frei anerkannt, betrachtet und behandelt zu werden. Die Sache der Freiheit ist also keineswegs eine Sache der Isolierung, sondern der gegenseitigen Anerkennung, keine Sache der Abgeschlossenheit, sondern im Gegenteil der Vereinigung. … Nur in Gesellschaft anderer Menschen kann ich mich als frei ansehen und fühlen.«
Die Freiheit wird im libertären Denken nicht auf einen Gegenstand wie etwa Handlungen oder den Willen eines Menschen reduziert. Freiheit ist kein Zustand, in dem ein einzelner Mensch lebt; sie ist eine individuelle und gesellschaftliche Praxis und damit ein soziales Verhältnis. Die individuelle Freiheit kann nur dann bestehen, wenn alle Menschen gleichermaßen frei sind. Die Freiheit aller ist die notwendige Voraussetzung und Bejahung der individuellen Freiheit der und des Einzelnen. Freiheit ist eine soziale Beziehung zwischen den Menschen.
Das Schlusswort soll ebenfalls Bakunin bekommen: »Wir sind überzeugt, dass Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität bedeutet.«