Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Stirner ein „Deutscher Egoist“?

Im Jahre 1937 erscheint die Dissertation „Max Stirner als Philosoph“ von Wilhelm Cuypers im „Verlag wissenschaftlicher Werke Konradt Tritsch“ (Würzburg). Mit dieser erlang ein Jahr zuvor der aus Mönchengladbach stammende Cuypers die Doktorwürde an der Hohen Philosophischen Fakultät der Universität Köln. Cuypers versucht in seiner Dissertation den „Einzigen“ und den „Verein“ von Stirner im Sinne des Dritten Reiches zu interpretieren. Der „Einzige“ als „Deutscher Egoist“ (StP 54), der mit anderen einen „Deutschen Verein“ (EE 255; SP 53 und 55) bildet. Der Verein als „organische Gemeinschaft“ (StP 55) und Deutschtum als Eigenheit sind Teil dieser Interpretation. Cuypers bezieht sich in seiner Interpretation von Stirner auf dessen Kritik am Christentum und Liberalismus, dagegen richtet(e) sich ebenfalls die nationalsozialistische Bewegung. Die Kritik der gleichen „fixen Ideen“ bedeutet aber noch lange nicht, dass diese Kritik, die gleiche ist, und das die gleichen Konsequenzen aus dieser Kritik gezogen werden müssen. Cuypers gelingt es aber, durch eine geschickte Auswahl von Zitaten von Stirner und das Verwenden seiner Sprache für seine eigenen Positionen bei den LeserInnen den Eindruck zu erwecken, das „Dritte Reich“ des Nationalsozialismus sei die Verwirklichung von Stirners „Egoismus“ und „Vereins“.
Cuypers scheint ebenfalls durch die Philosophie von Martin Heidegger für seine Stirner Interpretation beeinflusst worden zu sein, auch wenn er ihn nicht ausdrücklich erwähnt. Der ursprüngliche Zustand des Menschen ist demnach das „Hineingestelltsein des Menschen in die Welt“ (StP 3). Für Cuypers geht es um die „Geworfenheit“ (Heidegger) des Menschen in die Welt: „Wir aber werden in diese Welt mit ihren umstrickenden Mächten hineingestellt“ (StP 4).
Für Cuypers ist Stirner kein „bodenloser Anarchist oder liberalistischer Freiheitsenthusiast“ (StP 34). Er interpretiert die Freiheitsvorstellung von Stirner folgendermaßen: „Es geht Stirner gewiß um die Freiheit, jedoch um die Freiheit, wie sie immer wieder die deutsche Seele beschäftigt hat, nämlich die Freiheit als Selbstbestimmung, oder wie er es nennt, Freiheit als Eigenheit“ (StP 34). Die Ablehnung des Staates von Stirner wird durch Cuypers ebenfalls relativiert: „Der Kampf Stirners gegen die Staatsauffassung des Liberalismus ist nicht unbedingte Opposition gegen jede Bindung, sondern Kampf gegen den Versuch, den Menschen in unnatürliche, künstliche-konstruierte Bindungen zu bannen. Man hat wohl kaum einen Teil des Stirner-Buches so mißverstanden, wie den über den Liberalismus. Man glaubte Stirner auf Grund seines radikalen Kampfes gegen den Staat zum politischen Anarchisten stempeln zu müssen“ (StP 16). Und er setzt noch einen drauf: „Der Staat ist nach Stirner für Mich da und nicht Ich für ihn. Der Staat erhält allem Hegelianertum zum Trotz erst durch Mich Sinn und Wert“. (StP 54). Dabei ist die Ablehnung des Staates von Stirner unmissverständlich: „Darum sind Wir beide, der Staat und Ich, Feinde“ (EE 196) und an andere Stelle: „Ungerecht ist jedes Volk, jeder Staat gegen den Egoisten“ (EE 238) und: „Tot ist das Volk. – Wohlauf Ich“ (EE 238). Trotz dieser Aussagen hält es Cuypers für völlig falsch, „wenn man Stirner vorwirft, er kenne keine Werte wie Vaterland, Deutschtum und ähnliche“ (StP 53). Das Stirner die nationalen Bestrebungen seiner Zeit nicht anerkennen konnte, begründet er damit, dass diese „nicht die ungeheure Kraft der Eigenheit, des organischen Werdens in sich und von sich aus wirken“ (StP 53) lassen. Die nationale Bewegung des Liberalismus ist nur eine abstrakte Idee, die als fixe Idee aus dem Intellekt entsprungen ist und deshalb muss sie wie die liberalistische Idee der Menschheit zurückgewiesen werden. Stirner richtet sich angeblich nur gegen die liberalistischen Abstraktionen von „Nation“ und „Volk“ und nicht generell gegen „Nation“ und „Volk“. Der Liberalismus entreißt den Menschen die „natürlichen Bindungen, in die er schon immer in dieser Welt hineingestellt ist“ (StP 16).
Stirner ist so für Cuypers kein vaterlands- und heimatloser Geselle. Nach Cuypers will Stirner den „Deutschen durch den 'Deutschen Verein‘ seine Heimat, seine Heimlichkeit wiedergeben“ (StP 54). Für Cuypers kann das Deutschtum nicht von oben verordnet werden, „sondern Deutschtum muß vor allem durch Mich erst seinen eigenen und eigenartigen Inhalt erhalten. Deutschtum ist aus der Vielfalt kommende Einheit. Ich bin nicht nur Franke, Preuße oder Deutscher, sondern ich bin beides und mehr als das (...) Der schöpferische Mensch ist Eigner aller natürlichen Bindungen und deshalb auch Eigner des Deutschtums. Es genügt nicht, sich seiner Deutschheit immer bewußt zu sein und immer davon zu reden, sondern Deutschheit will immer wieder von mir errungen und verwirklicht werden. Diese Gesinnung zum Deutschtum ist zwar notwendig, genügt jedoch keineswegs (...) Die Eigenheit sieht den Sinn des Deutschtums in der schöpferischen Mannigfaltigkeit und Einheit zugleich. Ich lebe als 'deutscher Egoist‘ in der polaren Gespanntheit des ganzen Menschen“ (StP 54). Wie kommt nun Cuypers zu einer solchen Interpretation von Stirner. Es ist das folgende Zitat von Stirner auf das Cuypers sich bezieht:
„Nun bemühen sich die Nationalen, die abstrakte, leblose Einheit des Bienentums herzustellen; die Eigenen aber werden um die eigen gewollte Einheit, den Verein, kämpfen. Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige, lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten. Die Reaktionären möchten gerne ein Volk, eine Nation aus der Erde stampfen; die Eigenen haben nur Sich vor Augen. Im Wesentlichen fallen die beiden Bestrebungen, welche heute an der Tagesordnung sind, nämlich die Wiederherstellung der Provinzialrechte, der alten Stammeseinteilungen (Franken, Bayern usw., Lausitz usw.) und die Wiederherstellung der Gesamt-Nationalität in Eins zusammen. Die Deutschen werden aber nur dann einig werden, d. h. sich vereinigen, wenn sie ihr Bienentum sowohl als alle Bienenkörbe umstoßen; mit andern Worten: wenn sie mehr sind als – Deutsche; erst dann können sie einen 'Deutschen Verein‘ bilden. Nicht in ihre Nationalität, nicht in den Mutterleib müssen sie zurückkehren wollen, um wiedergeboren zu werden, sondern in sich kehre Jeder ein. Wie lächerlich-sentimental, wenn ein Deutscher dem andern den Handschlag gibt und mit heiligem Schauer die Hand drückt, weil 'auch er ein Deutscher ist‘!“ (EE 254f).
Stirner macht sich in diesem Zitat aber eher lustig über die „Nationalen“ und ihr „deutschsein“. Er macht hier deutlich, dass die/der „Einzige“ nur „Sich vor Augen“ und mit der Idee von einem „Volk“ oder eine „Nation“ nichts am Hut hat. Sicherlich gesteht Stirner anderen „Einzigen“ zu, wenn sie denn möchten, einen „Deutschen Verein“ zugründen, der aber nur ein Verein wäre wie jeder andere auch. In dem die/der „Einzige“ zu ihrem/seinem Nutzen beitreten und auch wieder austreten kann, wenn dieser „Deutsche Verein“ nicht mehr von Nutzen ist. Doch von so einem Verein redet Cuypers nicht.
Für Cuypers ist der Verein „das blutvolle Inbild einer organischen Gemeinschaft, die auch dem Deutschen seine Wiedergeburt und Selbsterneuerung durch das ewige Erringen der Freiheit als Eigenheit schenken lassen. In dieser Gemeinschaft wirken die Erd- und Blutkräfte, in deren Abhängigkeit Ich in dieser Welt immer stehen werde, um ihr Eigner zu sein“ (StP 55). In diesem Zitat wird deutlich, dass die/der „Einzige“ bei Cuypers nicht voraussetzlos ist wie bei Stirner. „Deutsch-sein“ ist hier eine Voraussetzung der/des „Einzigen“. Die Blut- und Bodenideologie ist Grundlage von Cuypers völkischen Verein mit einer klaren Hierarchie: „Im Verein gibt es eine Rangordnung“ (StP 51). Der Begriff „Rangordnung“ soll in diesem Zusammenhang auf eine natürliche – und damit unveränderliche – Hierarchie verweisen. Der „Deutsche Verein“ ist keine Ordnung einer freien Gesellschaft, sondern eine durch eine „natürliche Hierarchie“ strukturierte Gemeinschaft. Doch dieser Verein hat nichts – aber auch gar nichts – mit Stirners Verein zu tun:
„Den Verein hält weder ein natürliches noch ein geistiges Band zusammen, und er ist kein natürlicher, kein geistiger Bund. Nicht ein Blut, nicht Ein Glaube (d.h. Geist) bringt ihn zu Stande. In einem natürlichen Bunde, – wie einer Familie, einem stamme, einer Nation, ja der Menschheit ¬ haben die Einzelnen nur den Wert von Exemplaren derselben Art oder Gattung; in einem geistigen Bunde – wie einer Gemeinde, einer Kirche – bedeutet der Einzelne nur ein Glied desselben Geistes; was Du in beiden Fällen als Einziger bist, das muß – unterdrückt werden. Als Einzigen kannst Du Dich bloß im Vereine behaupten, weil der Verein nicht Dich besitzt, sondern Du ihn besitzest oder Dir zu Nutze machst“ (EE 349).
Während Cuypers Verein Ausdruck einer „natürlichen“ Ver- und Gebundenheit ist, weist Stirner genau dies zurück, besteht auf den freiwilligen Ein- und Austritt aus jedem Verein. Es gibt sicherlich verschiedene Arten Stirner zu lesen und zu interpretieren, aber eins ist klar, mit Stirner kann es keinen positiven Bezug auf Nation, Volk, „Rasse“ und/oder Ethnizität geben, denn dies sind alles „fixe Ideen“, ein Spuk. Die/Der „Einzige“ verweigert sich allen künstlichen und kollektiven (Zwangs-)Identitäten, denen frau/mann sich nur unterwerfen kann und besteht auf ihre/seine Individualität, Einzigartigkeit und Nicht-Identität. Für die „Einzige“ und den „Einzigen“ gilt: „kein Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als meine Wesen angibt erschöpft Mich; es sind nur Namen“ (EE 412).

Siglen:
EE = Stirner, Marx: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1991
StP = Cuypers, Wilhelm: Max Stirner als Philosoph, Dissertation, Universität Köln
, Würzburg 1937