Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

aus: Graswurzelrevolution Nr. 403, November 2015

Simon Schaupp
„Der Anarchismus soll fit sein für das 21. Jahrhundert“

Ein Buch über anarchistische Philosophie? Wie erfreulich! Angesichts der im deutschsprachigen Raum dünn gesäten Werke zu anarchistischer Theorie, die über Einführungen a la „Was ist eigentlich Anarchie?“ hinausgehen, ist das Erscheinen eines solchen Buches an sich schon begrüßenswert. Der Autor Jürgen Mümken bezeichnet sich selbst als einen „Postanarchisten“. Wer bei dem Begriff glaubt, es handle sich dabei um anarchosyndikalistisch organisierte Briefträger_innen, kann sich bei Mümkens Buch eines Besseren belehren lassen.
Denn ein präziserer Titel für das Werk wäre wohl „Einführung in den Postanarchismus“ gewesen, handelt es doch keineswegs von anarchistischer Philosophie im Allgemeinen, wie der Titel suggeriert, sondern von einer speziellen Strömung derselben. Der Postanarchismus stellt eine Fusion aus anarchistischer und poststrukturalistischer Theorie dar, die insbesondere von Michel Foucault beeinflusst ist. Foucaults Anliegen war die Offenlegung und Kritik einer, wie er es nannte, „Mikrophysik der Macht“. Der Mehrwert einer solchen Theorie für den Anarchismus besteht vor allem darin, Wahrheitsdiskurse als Resultate von Machtverhältnissen zu erkennen. Das wichtigste Anliegen eines kritischen Poststrukturalismus ist demnach die Dekonstruktion essentialistischer Kategorien, wie z.B. der Kategorien „Frau“ oder „Mann“, denen bestimmte „natürliche“ Eigenschaften zugeschrieben werden. Poststrukturalistischen Autor_innen, insbesondere Feminist_innen und Antirassist_innen ist es in den letzten Jahren gelungen, herauszuarbeiten, dass die dualistischen Kategorien Mann/Frau, Schwarz/Weiß, Mensch/Tier nie neutral nebeneinander stehen, sondern selbst das Resultat von Herrschaftsverhältnissen sind, in denen die dominante Gruppe dem jeweils Anderen bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis beschäftigt sich der Poststrukturalismus vor allem mit der Dekonstruktion von Identitäten.

Identitätspolitik

Auch Jürgen Mümken beschäftigt sich in den meisten der acht in seinem Buch versammelten Artikel mit Fragen der Identität. In dem Aufsatz „Wer bin ich? - Was bin ich?“ befasst er sich mit der Konzeption von Identität und Geschlecht bei Stirner und Foucault und in „Gender trouble im Anarchismus und Anarchafeminismus“ befragt er verschiedene (anarcha)feministische Strömungen nach ihrer Konzeption von Identität und Geschlecht. Dabei kritisiert er insbesondere den Ökofeminismus für seine essentialistische Konzeption der Kategorie Frau und kommt zu dem Schluss, dass es im Anarchafeminismus noch keine ausreichende Beschäftigung mit dem Poststrukturalismus gegeben habe.
„Ohne eine Dekonstruktion des Geschlechts und der Überwindung der Zweigeschlechtlichkeit“, so beendet er den Aufsatz, „ist die Überwindung von Patriarchat und Zwangsheterosexualität und die Entstehung einer anarchi(sti)schen Individualität jenseits geschlechtlicher und sexueller Identitäten unmöglich.“ (104)
Diesem Plädoyer ist zuzustimmen, allerdings treibt die Konzentration auf Identitätspolitiken bei Mümken, ähnlich wie bei anderen Poststrukturalist_innen, teilweise recht merkwürdige Blüten. So zum Beispiel, wenn er zu dem Schluss kommt, er verstehe „Anarchie als Lebenskunst und Selbstverhältnis“ (155).
Ein solch individualistisches Verständnis von Anarchie vergisst jedoch die gesellschaftlichen Bedingungen der Emanzipation, die in anderen Passagen bei Mümken durchaus vorkommen, beispielsweise wenn er betont, „es geht im Anarchismus ja um ein Leben in Freiheit und Wohlstand für ALLE und nicht um die eigene Glückseligkeit auf einer Insel.“ (145 f)
In „Bakunin und die Autorität“ befasst Mümken sich insbesondere mit Bakunins Unterscheidung zwischen künstlicher und natürlicher Autorität. Bakunin war der Meinung, dass nur in der von Zwang abgesicherten künstlichen Autorität Herrschaft zum Ausdruck komme, während die Autorität von Expert_innen die Freiheit des Menschen nicht angreife. Mümken kritisiert diese Unterscheidung mit dem Argument, dass dem Menschen ein unverstellter Zugang auf die Gesetze der Natur, denen er sich nach Bakunin unterwerfen muss, nicht möglich ist. Stattdessen ist auch die „Erkenntnis“ von Naturgesetzen, ja die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur selbst, immer auch ein Produkt von Machtverhältnissen (vgl. 85). Der Aufsatz „In Verteidigung der Freiheit“ behandelt das wichtige Thema des anarchistischen Freiheitsbegriffs in Zeiten des Neoliberalismus.
Dass der individualistische neoliberale Freiheitsbegriff mit dem anarchistischen nichts gemein hat, stellt Mümken gleich zu Beginn in einem Bakunin-Zitat heraus, in dem es heißt: „Die Sache der Freiheit ist also keineswegs eine Sache der Isolierung, sondern der gegenseitigen Anerkennung, keine Sache der Abgeschlossenheit, sondern im Gegenteil der Vereinigung.
Die Freiheit jedes Menschen ist nichts anderes als die Spiegelung seines Menschentums oder seiner Menschenrechte im Bewusstsein aller freien Menschen, seiner Brüder, seiner Genossen. Nur in Gesellschaft anderer Menschen kann ich mich als frei ansehen und fühlen.“ (zit. n. 133 f)
Die Freiheit des Neoliberalismus identifiziert Mümken dagegen als eine Regierungstechnik im Sinne Foucaults.

Neoliberalismus als Entstaatlichung?

Leider leidet die Analyse jedoch an einem äußerst unscharfen, wenn nicht unkritischen Begriff des Neoliberalismus. So behauptet Mümken, dass im Gegensatz zum klassischen Liberalismus im Neoliberalismus dem Staat nicht mehr die Aufgabe zukomme, die Marktfreiheit zu garantieren, sondern der Markt sich selbst und den Staat gleich mit reguliere (vgl. 138), an anderer Stelle spricht er vom Neoliberalismus als „Entstaatlichung“ (155). Damit geht er selbst der neoliberalen Ideologie auf den Leim. Märkte organisieren sich nicht selbst, es ist immer, gerade im Neoliberalismus, der Staat der sie organisiert und aufrechterhält. Ohne den Zwang der staatlichen Repressionsorgane würde sich niemand die Aneignung der Welt als Privateigentum gefallen lassen und ohne die genau festgelegten nationalen und transnationalen Markt-Spielregeln (allen voran die Verbindlichkeit von Verträgen), hätte kein_e Kapitalist_in Spaß am Investieren.
Gerade aus anarchistischer Perspektive ist diese Reproduktion neoliberaler Ideologie ein grober Schnitzer, spielt sie doch der Behauptung in die Hände, die Neoliberalen würden die Freiheit der Individuen gegen den Staat verteidigen.
Dieser Irrtum ist es auch, der solche paradoxen Ideologien wie den „Anarcho-Kapitalismus“ möglich macht (wobei Jürgen Mümken hier selbstverständlich nicht in die Nähe eines solchen gerückt werden soll).
Insgesamt kann der Band als eine gelungene Einführung in den Postanarchismus gelesen werden. Aufgrund der Aufsatz-Struktur der einzelnen Texte erreichen diese aber leider nicht die theoretische Tiefe anderer Bücher zum Thema, wie z.B. Gabriel Kuhns „Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden“. Außerdem bietet die Textsammlung keine befriedigenden Antworten auf die Probleme, die eine Zusammenführung des Anarchismus mit dem Poststrukturalismus mit sich bringt.
Allen voran ist das der poststrukturalistische Relativismus, der sich aus der Dekonstruktion aller Wahrheiten ergibt, die zwar Aufschlüsse über Machteffekte zulassen mag, ebenfalls aber die Kritik jedes positiven Bezugspunktes beraubt.
„Die radikale Umwälzung der herrschenden Verhältnisse ist das Ziel des Poststrukturalismus“, postuliert Mümken (157).
Meines Erachtens überschätzt er damit jedoch die Praxisaffinität der Poststrukturalist_innen, die sich doch meist mit dem Umwälzen von (akademischen) Diskursen zufriedengeben und darüber die materiellen Bedingungen der Freiheit vergessen.
Der Poststrukturalismus ist zweifellos eine Bereicherung für die anarchistische Theorie, ob er jedoch ausreicht um den Anarchismus „fit für das 21. Jahrhundert“ zu machen, wie Mümken es sich wünscht (160), bleibt fraglich.