Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

aus: graswurzelrevolution 338 - April 2009

Sal Macis
Eine gewaltfrei-anarchistische Utopie
Han Ryners’ „Nelti“ in der Übersetzung von Augustin Souchy neu aufgelegt

Der als „provençalischer Tolstoj“ bekannt gewordene Südfranzose Han Ryner (1861-1938) war gewaltfreier Anarchist, Individualanarchist, Lehrer, Schriftsteller und Philosoph.
Obwohl er über 60 Bücher und Romane verfasste, die meist ins Spanische übersetzt wurden, wo er auf eine ganze Generation spanischer Jugendlicher und Kriegsdienstverweigerer unter der Diktatur Primo de Rivera und während der zweiten Republik 1931-1936 Einfluss ausübte, sind nur drei seiner Schriften ins Deutsche übersetzt worden. Die letzte dieser Übersetzungen stammt von Augustin Souchy und betraf den 1914 in Frankreich erschienenen Roman „Les pacifiques“, der 1930 in der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde unter dem Titel „Nelti“ erschien und bis Ende 1931 nur an 63 Gildenmitglieder geliefert worden war. Irgendwo muss Herausgeber Jürgen Mümken ein Exemplar ergattert haben und ich freue mich sehr, dass diese politische Utopie Han Ryners nun in Neuauflage beim Verlag Edition AV erschienen ist.
Es ist eine der schönsten Utopien, die ich bisher gelesen habe, weil Ryner versucht, Durchsetzung und Lebensweise einer gewaltfrei-anarchistischen, zudem vegetarischen und antisexistischen Gesellschaft zu beschreiben. Dabei ist die Utopie ganz im Stil der anarchistischen Jugendbewegung seiner Zeit gestaltet. Mümken erklärt im informativen Nachwort, dass es sich hier um eine fast schon zu spät gekommene ‘Raumutopie’ handelt, die eigentlich im 17. und 18. Jahrhundert üblich war, als die Erde geographisch noch nicht komplett erschlossen war. Typisch dafür ist Ryners Konstruktion, seine Idealgesellschaft als Entdeckung Schiffbrüchiger zu konstruieren, deren Schiff vom Kurs abgekommen war. Der Kapitän und rund 40 Schiffbrüchige werden von den AtlantInnen, den Bewoh­nerInnen von Atlantis, gerettet. Später wandte sich die utopische Literatur fast nur noch den Zeitutopien zu, d.h. der Ort der utopischen Gesellschaft wurde in die Zukunft verlegt – typisch dafür ist der Science Fiction-Roman.
Die 800 Millionen AtlantInnen können mittels eines sonderbaren Fliegegurtes fliegen und erfanden im Laufe ihrer ‘glücklichen Trennung’ von den ‘Grausamen’, wie sie die sonstigen ErdbewohnerInnen nennen, allerlei sonderbare Geräte, Fernkopierer, Fernsichtgerät, Traumrealisator usw. Doch eigentlich ist es eine Zurück-zur-Natur-Utopie: die nackten AtlantInnen wecken Erinnerungen an die Freikörperkultur in der anarchistischen Jugendbewegung in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg; sie leben in einem natürlichen Schlaraffenland mit nahrhaften Früchten und haben in einem langwierigen Prozess die Städte verlassen und aufgelöst. Sie haben das Geld abgeschafft und leben vegetarisch.
Schön zeigt Ryner, wie Besitzdenken aus ihrer Vorstellungswelt bis hin zum Unverständnis gewichen ist, wie ihre Bedarfswirtschaft mit einer täglichen Arbeitszeit von ungefähr zwei Stunden funktioniert: eine Papierfabrik z.B. lagert produziertes Papier bis hin zu einem oberen Strich und hört auf zu arbeiten, wenn der erreicht ist. Wenn die Leute bis zu einem unteren Strich Papier für ihren Bedarf abgeholt haben, fangen sie wieder an zu arbeiten.
Die gewaltfreie Revolution in Ryners Roman hat eine Art imaginärer Tolstoi entfacht, der hieß ‘Nelti’ – ein Wort, das in der atlantischen Sprache Bruder, Schwester, Freund, Mensch usw. bedeutet. Der historische Nelti sammelte Leute um sich, seine Bewegung schaffte die gewaltfreie Revolution durch Massendesertion: „Beim ersten Treffen warfen die Soldaten die Waffen weg, vereinigten sich mit der unschuldigen Masse, und anstatt zu töten, waren sie bereit, sich selbst töten zu lassen“. (S. 79)
Überraschend für seine Zeit ist der antisexistische Einschlag des Romans. Jacques, der Erzähler, der wie fast alle der vierzig Schiffbrüchigen in Gewalt- und Besitzdenken verhaftet bleibt, zeigt sich beschämt von der freien und gewaltlosen Lebensweise der AtlantInnen, behält seine Kleider an und erfährt eine Ablehnung beim schnellen Versuch, sich eine Atlantin, Meloé, als Sexualobjekt zu unterwerfen: als patriarchalischer Bewohner Frankreichs seiner Zeit hat er es nicht anders gelernt. Meloé lässt sich jedoch weder befehlen noch gehorcht sie Jacques’ brachialen Unterwerfungsgelüsten, die bis zur versuchten Vergewaltigung gehen. Ryners hat hier eine unerwartet ironische Lösung parat, wie sich Meloé den Versuchen der gewaltsamen Unterwerfung Jacques’ entzieht. Sie kann dem Fluggurt ihres gewaltsamen Verfolgers in den Lüften die Flugfähigkeit aberkennen, Jacques stürzt zur Erde, während Meloé in die Luft entflieht – trotzdem landet Jacques im letzten Moment sanft auf der Erde: Rache und Vergeltung sind auf Atlantis ebenfalls undenkbar und Teil der Gewaltideologie.
Spannend wird der Höhepunkt des Romans, eine konterrevolutionäre Verschwörung der frustrierten 40 Schiffbrüchigen, geschildert. Sie finden ein paar Waffen in Museen zur Vorgeschichte von Atlantis und töten Hunderte von gewaltfreien, nicht gehorchenden, aber auch nicht zurückweichenden AtlantInnen. Doch anstatt, wie sie hoffen, UnterstützerInnen unter den AtlantInnen zu finden, lachen diese die Verschwörer zunächst aus und erfahren ihrerseits immer mehr Unterstützung durch Hinzueilende aus dem 800-Millionenvolk.
Entnervt, ohne Munition, verunsichert und schließlich angesichts eines Überläufers aus den eigenen Reihen geben die Verschwörer ihre Gewaltorgie auf. Nun werden sie mit Strafe durch die BabrinesInnen bedroht, die ebenfalls den AtlantInnen zu Hilfe eilen. Die BabrinesInnen halten am Fleischessen und Jagen mit Waffen fest; sie teilen zwar die Gewaltlosigkeit der AtlantInnen gegenüber Menschen – leben jedoch von diesen getrennt auf einer eigenen Insel, sozusagen in gegenseitiger Toleranz trotz verschiedener Auffassungen. Die AtlantInnen überzeugen jedoch die BabrinesInnen davon, die Verschwörer zu schonen: „Der Hass und die Rache schreien vergebens: ‘Wir nennen uns Gerechtigkeit’. An ihrer Scheußlichkeit sind sie erkenntlich. (...) Der Mörder aber, den man tötet, ist Sieger: er hat einen neuen Mörder erschaffen“. (S. 147)
Die AtlantInnen schicken letztlich die Verschwörer zurück zu ihrer Welt der Grausamen, nach Frankreich, wo dann ihr Chef, der Schiffskapitän, neue Kolonisten für einen Endkampf mit Atlantis werben will. Doch da ihm niemand glaubt, dass es Atlantis gibt, wird er wegen Betrugs vor Gericht gestellt. Auch hier zeigt sich wieder Ryners Ironie: „Die Richter haben ihn zur Beobachtung seines Geisteszustandes den Irrenärzten übergeben, die nun dabei sind, ihn geisteskrank zu machen.“ (S. 150)
Diese Utopie illustriert Ryners Philosophie des „harmonischen Individualismus“, den Ryner vom kapitalistischen „egoistischen Individualismus“ absetzt.
Mümken meint im Nachwort, seine Utopie sei statisch, d.h. eine Idealgesellschaft ohne Konflikte, doch ich meine, zwischen AtlantInnen und BabrinesInnen wird durchaus ein zentraler Konflikt aufgezeigt und Atlantis hat ja auch eine eigene Geschichte mit zentralen Ereignissen (z.B. Verlassen der Städte), in die sicher auch die gewaltlose Niederschlagung der Konterrevolution Eingang finden wird – die also fortgeschrieben wird. [...]