Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Simon Schnaupp

Digitale Selbstüberwachung

Optimier-Dich-Selbst gehört zum Credo neoliberaler Subjektivität. Selbstoptimierung bedeutet die „freiwillige“ Selbstanpassung an die Verwertungsbedingungen des Kapitals. Self-Tracking – die digitale Selbstüberwachung/-kontrolle – ist das (Selbst-)Tuning des postmodernen Menschen. Die digitale Protokollierung des eigenen Lebens dient der Selbstvermessung, der Selbstbeobachtung und der Selbstoptimierung. Wie genau ticke ich, was ist ganz speziell für mich wichtig und richtig, oder eben genau falsch. Wie sehen meine Gewohnheiten aus und wie interagiere ich mit meiner Umwelt? Dies sind zentrale Fragestellungen, welche mit Hilfe einer analytischen Beobachtung behandelt werden können. Hier gilt es Vieles zu verfeinern und zu verbessern. Dabei geht es um die Konkurrenzfähigkeit des unternehmerischen Selbst, um eine marktkonforme Subjektivität.
Ziel der Selbst-Optimierung ist das unternehmerische Selbst, das „für sich selbst sein eigenes Kapital ist, sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle“ (1) . In der gegenwärtigen, postfordistischen Produktionsweise wird die „Integration der gesamten Subjektivität in die Warenproduktion und das Selbst als ein Unternehmen imaginiert“ (S.139). In diesem Kontext ist das Self-Tracking einzuordnen. Die neoliberale Variante des „Erkenne Dich selbst“ der Self-Tracker*innen ist die „Selbsterkenntnis durch Daten“. Das digitale „Ich“ der Selbstvermesser*innen besteht aus Zahlen, Messwerten und Leistungspunkten.
Im Foucault’schen Sinne kann das Self-Tracking als eine kybernetische Technologie des Selbst angesehen werden. Foucault ist bewusst, dass das Subjekt dieser „Technologien des Selbst“ nicht frei über beliebige Techniken der Selbstbearbeitung verfügt. Er macht darauf aufmerksam, dass alle Reaktionsmuster auf jene kulturellen Praktiken der Selbstbearbeitung angewiesen sind, die sich innerhalb einer bestimmten Epoche herausgebildet haben. Daneben sind diese „Technologien des Selbst“ mit den „Technologien der Macht“ verzahnt, wozu eben auch der kybernetische Kapitalismus gehört.
Kybernetik ist nach ihrem (Mit-)Begründer Norbert Wiener die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen. Die Kybernetik ist der Versuch, „gemeinsame Elemente in der Funktionsweise automatischer Maschinen und des menschlichen Nervensystems aufzufinden und eine Theorie zu entwickeln, die den gesamten Bereich von Steuerung und Kommunikation in Maschinen und lebenden Organismen abdeckt“(2). Wiener hat mit seinem Feedback-Modell gezeigt, dass Kommunikation nicht durch Kontrolle unterdrückt wird, sondern vielmehr immer schon deren Voraussetzung darstellt. Mit dem Ineinandergreifen von Kontrolle und Kommunikation hat sich auch der französische Philosoph Gilles Deleuze beschäftigt: die Kontrollgesellschaft funktioniert bei ihm durch „unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation“(3) und die „Suche nach den Universalien der Kommunikation sollte uns das Fürchten lernen“(4). Die Kontrolle im kybernetischen Sinne unterscheidet sich grundlegend von der panoptischen Überwachung. Im Panoptikum und im klassischen Überwachungsstaat ist das Individuum „Objekt einer Information, niemals Subjekt in einer Kommunikation“(5).
In seinem Buch Digitale Selbstüberwachung, das im Verlag Graswurzelrevolution erschienen ist, setzt Simon Schaupp vo­raus, dass die Technologien und Praxen des Self-Tracking nicht in einem luftleeren Raum stattfinden und schlägt deshalb vor, „sie vor allem unter zweierlei Gesichtspunkten zu interpretieren: Erstens als Antworten auf die Leistungsansprüche der postfordistischen Ökonomie und zweitens als Ausdruck eines spezifisch kybernetischen Modus der Kapitalakkumulation und Kontrolle“ (S.18). Zunächst beschreibt und analysiert Schaupp die verschiedenen Einsatzbereiche des Self-Tracking: Sport, Gesundheit und Diät, Zeitmanagement, Disziplin. Mithilfe eigens dafür entwickelter mobiler Messgeräte (Tracker) lädt die/der Self-Tracker*in seine Lebensdaten und Körperfunktionen in spezialisierte soziale Netzwerke und Datenbanken. Das so generierte, digitale „Ich“ der Selbstvermesser*innen besteht aus Zahlen, Messwerten und Leistungspunkten, diese „Quantifizierung wird als Basis eines rationalen Selbstmanagements dargestellt“ (S.68). Die „Selbsterkenntnis durch Zahlen ist kein Selbstzweck, sondern soll „fast immer in eine Selbstoptimierung münden“ (S.72). Durch diese permanente Selbstoptimierung des Körpers und seiner Funktionen befinden sich die Self-Tracker*innen immer im Konflikt und in Konkurrenz zu anderen und vor allem sich selbst. So ist es auch nicht verwunderlich, dass fast alle Self-tracking-Anwendungen eine Ranking-Funktion beinhalten. Das Ranking macht deutlich, dass es bei Self-Tracking nicht um eine Normierung nach dem Muster klassischer Disziplinargesellschaften geht, sondern, „dass die Selbstoptimierung im Self-Tracking wesentlich als relational verstanden werden muss. Es geht nicht darum eine bestimmte Norm zu erreichen, sondern besser oder manchmal auch einfach anders zu sein als die Anderen“ (S.83).
Die Self-Tracking-Anwendungen sammeln mehr Daten, als für die jeweilige Auswertung notwendig ist und die so generierten Daten werden nicht auf den Computern der Anwender*innen gespeichert, sondern auf den Servern der Anbieter und gehen in deren Eigentum über. Die Zeitmanagement-Anwendung RescueTime, die überwacht, wie viel Zeit Anwender*innen mit welchen Programmen und Internetseiten verbringen, „verkauft diese Daten – welche Hard- und Software wann genutzt wird, welche Anwendungen wie lange geöffnet sind, welche Musik gespielt wird, wie viele Emails empfangen und geschrieben werden, Liste der Accounts, in die Anwender_innen sich einloggen usw. – dann an Unternehmen und Universitäten zur Durchführung von ‚large scale research studies’ weiter“ (S.55).
Wie schon weiter oben erwähnt, sieht Simon Schaupp das Self-Tracking und die damit verbundene Selbstoptimierung im Kontext eines kybernetischen Kapitalismus, der als Reaktion auf die systemischen Notstände des Postfordismus gelesen werden kann, wie „permanente Notwendigkeit von Rationalisierungsmaßnahmen und der Ausweitung der Warenproduktion“ (S.81). Self-Tracking stellt als Antwort auf diese Notstände „eine Technologie zur Rationalisierung individueller und kollektiver Arbeit“ (S.81) dar.
Für Schaupp liegt das gesellschaftstheoretische Potential einer Analyse, die die Kybernetik ins Zentrum stellt, darin, die Wechselwirkung von Produktion und Kontrolle pointiert erfassen zu können. In der Kybernetik fallen Produktion und Kontrolle in eins, sie folgen derselben Logik, basieren auf derselben technologischen Infrastruktur. Es geht also darum, zu zeigen, warum die hochtechnisierte, neoliberale Wirtschaft notwendigerweise eine Kontrollgesellschaft ist“ (S.89). Dies zeigt er in seinem Kapitel „Genealogie des kybernetischen Kapitalismus“ auf. Schaupp geht es dabei um „die Verschiebung hin zu einer kybernetischen Organisation von Produktion und Kontrolle“ und „die Kontinuität des Kapitalismus als zentrale[r] Herrschaftsstruktur“ (S.88). Schaupp gibt hier eine kurze – aber leicht verständliche – Einführung in die kybernetische Ökonomie, in der das Zählen und Steuern der Bevölkerung eine Rolle spielt. Nach dem Rekonstruieren verschiedener Stränge des kybernetischen Denkens kommt er zu drei aufeinander aufbauenden Grundprinzipien kybernetischer Steuerung:
1. Überwachung und Quantifizierung (Erhebung von Daten)
2. Rückkopplung (Zurückleitung von Informationen an das beobachtende System)
3. Selbstoptimierung (Die Kybernetiker*innen sprechen meist von „Selbstorganisation“ oder „Selbstregulierung“)
Hier wird deutlich, dass sich die zentralen Charakteristika des Self-Tracking in den Grundprinzipien des kybernetischen Kapitalismus wiederfinden. Die kybernetischen Technologien des Selbst sind – neben ihren Kontrollfunktionen – auch „eingebunden in Prozesse der Kapitalakkumulation“ (S.113). Dadurch wird das Self-Tracking „zunehmend zu einem Teil betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Rationalisierung von Produktion und Reproduktion“ (S.113), die im Wesentlichen aus automatisierter Selbstüberwachung besteht. Da fast alle Self-Tracking-Technologien die Möglichkeit bieten, die Ergebnisse mit dem digitalen „Freundeskreis“ zu teilen, besitzt die Selbstvermessung auch Komponenten der Fremdüberwachung. Die Möglichkeit und Möglichkeiten der Fremdüberwachung, z.B. durch Arbeitgeber*innen, Kranken-, Lebens- und Rentenversicherung ist ein wesentlicher Bestandteil der Self-Tracking-Technologien. Die Self-Tracking-Anwendungen sind daneben auch Teil der kapitalistischen Landnahme: „Mittels der Kommodifizierung von Informationen ermöglich sie eine Ausweitung der Warenproduktion. Im Self-Tracking wird dabei eine besondere Charakteristik der Internetökonomie deutlich: Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Produktion und Konsum“ (S.119).
Schaupp weist zum Schluss seines Buches noch auf einen interessanten Aspekt der Self-Tracking-Anwendungen hin: der Konstruktion von Männlichkeit. Er interpretiert das Männlichkeitsbild des Self-Tracking als Reaktion auf den Neoliberalismus, in dem das Bild des „männlichen Familienernährers in die Krise geraten“ ist: Obwohl sich das Self-Tracking nicht ausschließlich an Männer richtet, sind „die Diskurse um das Self-Tracking stark männlich dominiert“ (S.124). So tritt an die Stelle des „Familienernährers“ die Figur des Managers: „Das ökonomische Verhältnis zu sich selbst und anderen […] scheint auch die Männlichkeitskonstruktionen wesentlich zu prägen, die im Self-Tracking zum Tragen kommen. All dies legt nahe, dass für eine männliche Subjektivierung ökonomische Rationalität noch an Bedeutung gewonnen hat. Ein wesentlicher Teil dieser ökonomischen Rationalität ist der Wettbewerb. Dieser spielt auch im Self-Tracking eine wesentliche Rolle. Es gibt kaum eine Technologie, die nicht irgendeine Ranking-Funktion beinhaltet“ (S.126).
Mit Digitale Selbstüberwachung ist es Simon Schaupp gelungen, einen herrschaftskritischen Blick auf eine gegenwärtige Technologie zu werfen, die uns alle (be-)droht, und das Self-Tracking in Bezug auf den sich im Werden befindenden kybernetischen Kapitalismus zu analysieren.

Simon Schaupp
Digitale Selbstüberwachung
Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus
160 Seiten |14,90€
Verlag Graswurzelrevolution, 2016

(1) Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität. Band 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2004. S.314.
(2) Norbert Wiener: Kybernetik (1948), in: Norbert Wiener: Futurum Exactum. Ausgewählte Schriften zur Kybernetik und Kommunikationstheorie. Herausgegeben von Bernhard Dotzler. Wien: Springer, 2002. S.13-S.30. Hier: S.15.
(3) Gilles Deleuze: Kontrolle und Werden, in: ders.: Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1993. S.243-S.253. Hier: S.250.
(4) Ebd. S.251.
(5) Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1977. S.257.