Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Christoph Prager

Ratingagenturen

Ratingagenturen, who the fuck are Ratingagenturen?

Auch wenn wir kein Triple A brauchen, sondern uns ein A im Kreis reicht, sollten wir wissen, was Ratingagenturen sind, wie sie funktionieren und welche Macht sie haben? Die versucht uns Christoph Prager in seinem Buch über Ratingagenturen zu erklären. Die Funktionsweise eines neuen politischen Herrschaftsinstruments – was die Ratingagenturen durchaus sind – versucht Prager vor dem Hintergrund der Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieus darzustellen. Dieser Ansatz hat dazu geführt, dass der Fokus der Untersuchung „nicht mehr auf den ökonomischen Fragen nach der korrekten Beurteilung von Staaten durch Ratingagenturen basiert, sondern sich hin zur Frage des Einflusses dieser Agenturen verschoben hat. […] Bourdieus Begriffe Habitus, Feld und Kapital bilden einen Rahmen, in dem es möglich ist, sich argumentativ zu bewegen und Zusammenhänge kohärent zu benennen“ (S. 7/8).
Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut, das Prager zunächst seinen theoretischen Rahmen erklärt, so dass das Buch auch für jene verständlich ist, die sich bis jetzt nicht mit Bourdieu beschäftigt haben, danach gibt er eine kurze Skizze, wie sich der heutige Finanzmarkt konstituiert hat.
Im zweiten Teil der Arbeit geht es nun konkret um die Ratingagenturen. Zunächst geht es um die Geschichte und Verteilung dieses großen Geschäfts. Alles begann 1841 als Luis Tappon „für seine eigene Zwecke, die Fähigkeit der Händler, denen er selbst Geld verborgte, diese auch wieder zurückzuzahlen, bewertete“ (S. 57). Das Ratingbuisness begann aber eigentlich erst 1907 als John Moody sein „Report on Railroad Bonds“ veröffentlichte. Über den Verkauf dieser Veröffentlichungen verdienten bis Mitte der 1970er Jahre die Ratingagenturen ihr Geld. Erst mit der Liberalisierung des Finanzmarktes und der Entstehung neuer Finanzdienstleistungen und -produkte begannen die Ratingagenturen Gebühren von Seiten der Emittenten zu verlangen. Im Zuge der zweiten Bankenkrise 1931 wurden die Ratingagenturen für bestimmte Regulierungsmechanismen im Finanzsektor herangezogen, dadurch erweiterte sich das Geschäftsfeld, was eine Tragweite bis heute hat. Nach dieser Einführung bringt Prager den LeserInnen die Ratingmethodik und die Regulierungsweisen der Agenturen nach. Es sind vor allem internationale Institutionen und Abkommen – wie z.B. Basel I und Basel II –, die den Ratingagenturen ihre symbolische Macht (Bourdieu) heute verleihen, und den Agenturen die Möglichkeiten gibt auf die Gestaltung der Lösung von z.B. der Schuldenkrise von Griechenland.
Im letzten Teil stellt Prager die Funktionsweise der Ratingagenturen und die Reaktion Griechenlands und des Euro-Raumes am Beispiel der Schuldenkrise in Griechenland dar. Prager verweist darauf, fas die griechische Schuldenkrise ihre Wurzel nicht nur in der Finanzkrise 2007 und der Bankenkrise 2008 hat, sondern auch hausgemachte Probleme, wie die Korruption und das die Reiche kaum Steuern zahlen (Das Geld was Reiche GriechInnen in die Schweiz und nach London transferiert haben, reicht aus, um die griechischen Probleme zu lösen, dieses hat aber die Troika nicht vorgeschlagen). Prager stellt das Spiel von Aktion und Reaktion der verschiedenen Akteure (Ratingagenturen, EZB, griechischer Staat, Investoren etc.) ausführlich und erklärend dar.
Auch wenn das Kapitel „Regulierungsweisen“ schwer verständlich ist, und sich die LeserInnen durch Abkürzungen von Abkommen und internationalen Institutionen arbeiten müssen, ist das Buch eine verständliche Darstellung dieses neuen politischen Herrschaftsinstrument. Danach versteht frau/mann mehr von griechischen Schuldenkrise und die europäischen Reaktionen darauf. Prager zeigt deutlich auf, wie die Ratingagenturen ohne formale Macht durch Abkommen wie Basel I und Basel II zu einer enormen symbolischen Macht gekommen sind, die die Fiskalpolitik der Staaten (mit-)bestimmt. Die Staaten sind gezwungen eine Fiskalpolitik zu betreiben, die die Ratings der Agenturen immer im Blick hat. Aber auch für institutionelle Anleger wie Banken und Rentenfonds sind die Ratings von Bedeutung, sie dürfen keine Finanzprodukte kaufen oder besitzen, die als „below investment grade – spekulatives Terrain“ eingestuft werden.
Das Buch von Prager ist eine hervorragende Einführung in die Funktionsweise eines neuen politischen Herrschaftsinstruments, das die Fiskalpolitik von Städten und Staaten in den nächsten Jahren mitbestimmen wird.

Christoph Prager
Ratingagenturen
Funktionsweise eines neuen politischen Herrschaftsinstruments
Mandelbaum – kritik & utopie
188 Seiten | ISBN 978-3-85476-610-0 | 14,90 €