Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Paco I. Taibo II

Die Rückkehr der Tiger von Malaysia

Lotta continua: Sandokan ist zurück!

Der mexikanische Krimiautor und Che-Guervara-Biograph Paco Ignacio Taibo II. hat einen wunderbaren Abenteuerroman geschrieben, der nun in deutscher Sprache von dem engagierten Verlag Assoziation A verlegt wurde. Er hat die alte Piratenlegende von Sandokan und seinem portugiesischen Freund Yanez de Gomara neues Leben eingehaucht. Der Erfinder von Sandokan ist der italienische Schriftsteller Emilio Salgari (1862-1911), der im ganzen elf Sandokan-Romane und fünf weitere über den schwarzen Kosaren. geschrieben hatte. In seiner Zeit war er über die Grenzen Italiens bekannt und galt als der „italienische Karl May“. Schon sein Roman Gerufene Helden war nicht nur Salgari gewidmet, sondern unter den Gerufenen Helden, die im Mexiko nach der Niederlage der StudentInnenbewegung 1968 den Kampf fort führen sollten, waren auch Sandokan und Yanez. Die beiden tauchen auch in seinem Roman Vier Hände auf.
Taibo schreibt in einer Vorbemerkung über seinen Abenteuerroman über die Tiger von Malaysia:
„Es handelt sich definitiv und zynisch um ein Salgari-Plagiat, das Produkt eines erneuten Zusammentreffens zwischen einer permanenten literarischen Berufung zum Abenteuerroman und meiner viele Jahre gehegten kindlichen Liebe zum Meister der Actionliteratur. Ihren Ursprung hatte sie bei einem kranken und glücklichen Jungen in einer repressiven Gesellschaft ohne Fernsehen, sie fand ihre Fortsetzung bei einem Heranwachsenden, der zum politischen und sozialen Kampf der 1960er Jahre kam, bewaffnet mit dem ethischen Kodex der Drei Musketiere, der Lebenseinstellung von Robin Hood und dem Antiimperialismus Sandokans“.
Taibo sagt selber über den Ursprung seines Antiimperialismus, das er sich „zweifelsohne salgarianisch und nicht leninistisch äußert und definiert“. Seine Vorgehensweise bei der Wiederauferstehung von Sandokan beschreibt in der schon erwähnten Vorbemerkung folgendermaßen:
„Der Ausgangspunkt der Sandokangeschichten war Emilio Carlo Giuseppe Maria Salgari in seinem schäbigen Büro in einer Turiner Dachwohnung, der von Gläubigern verfolgt an seinem tragbaren Sekretär mit selbst hergestellter Tinte schrieb, sich auf mittelmäßige Enzyklopädien, schlechte Geographiebücher, fehlerhafte Wörterbücher, eine herrliche Phantasie und eine eindrucksvolle Fähigkeit zum Fabulieren stützte. Also? Genau wie Salgari, sagte ich mir. Phantasie, schlechte Enzyklopädien und viel Erfindungsgabe, mittelmäßige Atlanten und gute Figuren, Anachronismen, reichlich viele Ungereimtheiten und überbordende Leidenschaften.“
Hatten sie bis jetzt vor allem gegen das britische Empire gekämpft, tritt ihnen bei Taibo ein neuer, unbekannter und gefährlicher Feind entgegen.
Aber es wäre kein taiboesker Roman, würde nicht ungewöhnliche reale und/oder fiktive Personen auftauchen. So retten sie eine in Seenot geratene überlebende Kommunardin der Pariser Kommune, die nach Neukaledonien deportiert werden soll. In Hongkong treffen sie den deutschen Stefan Hyner, der auch als Old Shatterhand gekannt ist. Er reist durch die Welt und erzählt seine Geschichten einem gewissen deutschen Schriftsteller namens Karl May. Stefan Hyner hatte Karl May über seine Erlebnisse mit und bei den Apachen erzählt. Jetzt schließt er sich Sandokan und Yanez an, um gegen das „Böse“ zu kämpfen. Das einer dieser Bösewichter bei Sir Arthur Conan Doyle auftauchen wird, ist sicherlich ein Zufall. Auf Mompracem erzählen sie einen jungen Journalisten namens Joseph Rudyard Kipling ihre Geschichte, genau der Kipling, der später als Schriftsteller mit seinen Romanen Kim und Das Dschungelbuch weltberühmt werden sollte und 1907 den Literaturnobelpreis bekam. Ich hatte ja ganz vergessen, dass Yanez einen Brief an Friedrich Engels geschrieben hat, in dem er Anmerkungen über das Verhalten der Orang-Utans auf der Insel Borneo machte. Engels bedankte sich, da sie von großem Nutzen sein würden für sein Werk über die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen.
Das Kapitel mit der „sonderbaren unterirdischen Zelle“ in der Sandokan und Yanez eingesperrt wurden, hat Taibo bei sich selbst geklaut, es ist das letzte Kapitel seines Romanes Vier Hände.
Dieser neue Taibo ist wie die anderen auch das reinste Lesevergnügen und bin schon in großer Erwartung, welchen nächsten uns Assoziation servieren wird.

Paco Ignacio Taibo II
Die Rückkehr der Tiger von Malaysia
Assoziation A
ISBN 978-3-86241-412-3
304 Seiten | 19,90€