Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Paco I. Taibo II

Der Schatten des Schattens

Vier Musketiere im postrevolutionären Mexiko

Der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II ist sicherlich einigen LeserInnen bekannt u.a. durch seine Biographie des lateinamerikanischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara, seinem Roman Vier Hände und den Kriminalromanen mit dem baskisch-irischen Privatdetektiv Hector Belascoarán Shayne. Das Personal des neuen bei Assoziation A erschienen Romans dürfte einigen bereits aus Die Rückkehr der Schatten bekannt sein. Es sind die vier Protagonisten der Arbeiter Tomás Wong, der Anwalt Alberto Verdogu, der Journalist Pioquinto Manterola und der Dichter Fermín Valencía. In Die Rückkehr der Schatten, der Anfang der 1940er Jahre spielt, führten die Vier einen antifaschistischen Kampf gegen Nazi-Agenten und deutsche Kaffeebarone in Chiapas. Der neue Roman Der Schatten des Schattens ist in den 1920er Jahre des postrevolutionären Mexikos angesiedelt, im dem der Geist von Emilano Zapata und Pancho Villa noch lebendig ist und AnarchistInnen und GewerkschaftlerInnen gegen korrupte Politiker und machthungrige Offiziere kämpfen. Doch die mexikanische Revolution beginnt sich nach jahrelangen Kämpfen zu institutionalisieren. Ein Teil der Gesellschaft entdeckt, dass die Revolution ein kompletter Fehlschlag war und man nun von neuem beginnen müsse. Zu diesem Teil gehören auch die vier Protagonisten des Romans. Was ihnen bleibt, ist das Domino spielen, zu dem sich die vier Freunde regelmäßig treffen. Wong – anarchosyndikalistischer Gewerkschafter – behauptet, dass es eine Affinität zwischen dem Dominospiel und dem Anarchismus gäbe.
Die vier Freunde geraten ungewollt in eine Geschichte vom Verschwörung, Verrat und Korruption. Zunächst wird auf offener Bühne ein Posaunist erschossen. Im Publikum sitzt der Dichter. Kurze Zeit beobachtet der Journalist wie ein Mann aus dem Fenster fällt. Bei den Toten handelt es sich um den Feldwebel José Zevada und den Obersten Froilán Zevada. Zwei Zevadas in einer Woche, das kann kein Zufall sein, so die vier. Ein englischer Geschäftsmann hat angeblich Selbstmord begangen, doch der Journalist entdeckt, dass dem nicht so ist. Nun stecken die vier in einer verwirrten Geschichte. Als dann noch ein Mordanschlag auf sie verübt wird, ist Zeit zu handeln.
Zu der Hauptgeschichte gibt es noch einige Nebengeschichten, durch die uns Wong führt. Wong führt die LeserInnen in Welt der Arbeiter mit ihre Streiks und Kämpfen und der staatlichen Repression. In seiner Wohnung trifft sich eine anarchistische Gruppe. Er hilft einer Frau aus dem chinesischen Viertel, die er bei sich Wohnen lässt. Er wird gebeten einen sich in Mexiko illegal aufhaltenden Genossen bei sich unterzubringen, dabei handelt es sich um einen alten bekannten von Wong. Es ist der Anarchist und Gewerkschaftsorganisator, Seemann und Mechaniker Sebastián San Vincente. San Vicente vom FBI gejagt, hielt sich zwischen 1920 und 1923 in Mexiko auf, danach verliert sich seine Spur. Er soll angeblich im spanischen Bürgerkrieg gefallen sein. Zwischen verbürgten Tatsachen und dichterischer Phanatasie hat  Taibo mit Auf Durchreise (1996, Nautilus) einen Roman über das Treiben von San Vincente in Mexiko verfasst.
Das Taibo ein Meister der politischen Erzählung ist, hat er auch wieder in diesem Roman gezeigt, wie in anderen Romanen überlagert auch hier geschickt geschichtliche Realitäten und Fiktionen. Die vielschichtige und teils undurchsichtige Komposition des Romans wirkt keineswegs konstruiert. Der in Mexiko 1986 veröffentliche Roman ist wieder ein Meisterwerk.