Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Hans Jürgen Degen / Jochen Knoblauch: Anarchismus. Eine Einführung. Reihe: theorie.org, Stuttgart 2006, Schmetterling Verlag

theorie.org: Anarchismus

Die Reihe „theorie.org“, die seit einiger Zeit im Schmetterling Verlag erscheint, will die zentralen Themen linker Debatten aufarbeiten und ihre Resultate zusammenzufassen. In der Reihe sind bereits Bücher zur Feministischen Theorie, Situationistischen Revolutionstheorie, zum Internationalismus und anderen Themen erschienen und ein Band zum Postoperaismus ist in Vorbereitung. Der aktuelle Band der Reihe hat den Anarchismus – genauer gesagt den klassischen Anarchismus – zum Thema.
Für die beiden Autoren Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch dieser Einführung in den (klassischen) Anarchismus gibt es nicht den Anarchismus, sondern mehrere Anarchismen, da es keine allgemeinverbindliche inhaltliche Bestimmung des Anarchismus bzw. der Anarchie geben kann. Trotzdem gibt es für AnarchistInnen verbindlichen Attribute: „Anti-Autoritarismus, Anti-Staatlichkeit, Anti-Zentralismus, Anti-Kapitalismus, Anti-Patriachismus, Anti-Rassismus, Anti-Sexismus“ (S. 6). Auch ist es für die Autoren nicht notwendig, dass sich heutigen AnarchistInnen auf die KlassikerInnen und ihre Ideen berufen.
Um die differente Ideenwelt des Anarchismus mit seiner Theorie, Praxis und Geschichte darzustellen, haben die Autoren ihre Einführung in drei wesentliche Kapitel unterteilt: „Klassiker des Anarchismus“, „Konfrontationen“ und „Anarchismus und Praxis. Anarchismus und Revolution“: In kurzen Kapiteln werden zunächst die Ideen der wichtigsten KlassikerInnen dargestellt. Für Degen und Knoblauch sind sie keine Ikonen, sondern nur IdeengeberInnen, deren Theorien von AnarchistInnen revidiert und weiterentwickelt werden können. Im Kapitel „Konfrontationen“ wird sich mit den verschiedenen Kampflinien der Anarchismen auseinandergesetzt. Hier geht es um Staat, parlamentarische Demokratie, Kapitalismus, Gewerkschaft und Anarchosyndikalismus, Gewalt und Militarismus. Hier fehlt der Kampf gegen das Patriarchat als eine wichtige Konfrontationslinie mit den herrschenden Verhältnisse. Die anarchistische Praxis wird von Degen und Knoblauch anhand der revolutionären Ereignisse von der Französische Revolution 1789 bis zu Spanischen Revolution 1936-1939 dargestellt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch eine anarchistische Praxis in nicht-revolutionären Phasen gab, von der Gründung von Kommunen bis zu den Arbeitskämpfen anarchosyndikalistischer Gewerkschaften.
Enttäuschend ist aber das Kapitel Resümee und Schlussbetrachtung, denn anscheinend hat es nach 1945 keine wesentliche Weiterentwicklung des Anarchismus gegeben, zwar gehen die Autoren auf kurz auf den Neo-Anarchismus in Folge der 68er Bewegung ein, doch mehr scheint es nicht gegeben zu haben. Der Anarcha-Feminismus wird auf nicht mal einer Seite angehandelt, der Libertäre Kommunalismus von Bookchin findet gar nicht statt, aber auch die aktuelle Diskussion innerhalb des Anarchismus vom Zapatismus der EZLN bis zur Rezeption poststrukturalistischer Theorie finden keine Erwähnung. Welche Rolle spielt der Anarchismus in den Neuen Sozialen Bewegung, vom Häuserkampf bis zu den globalisierungskritischen Bewegungen?
Bei allen Schwächen und Lücken ist der Band eine kurze, ausführliche und übersichtliche Einführung in die Ideenwelt und Geschichte des klassischen Anarchismus. Für den aktuellen Anarchismus bedarf es dann noch eines zweiten Bands.