Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Lou Marin: Ursprung der Revolte. Albert Camus und der Anarchismus, Heidelberg 1998, Verlag Graswurzelwerkstatt

Albert Camus und der Anarchismus

In der deutschsprachigen Rezeption der Werke von Albert Camus (1913-1960) werden in der Regel die vielfältigen Beziehungen und Kontakte zur anarchistischen und anarchosyndikalistischen Bewegung unterschlagen. Lou Marin stellt uns in Ursprung der Revolte den vergessenen libertären Camus vor. Albert Camus, der sich selbst nicht als Anarchist bezeichnet hat, hat regelmäßig für anarchistische Zeitschriften und Zeitungen geschrieben, hat immer wieder positive Bezug auf die libertäre Bewegung - insbesondere in Spanien - genommen und er beteiligte sich an anarchistisch-antimilitaristischen Kampagnen. Im Mittelpunkt des Buches steht zum Einen die Gewaltkritik von Camus und seine Auseinandersetzung mit der Gewalt revolutionärer Bewegungen, zum Anderen geht es immer wieder um die Auseinandersetzung und den Bruch mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. So gesteht Lou Marin in der Einleitung auch ein: „Dieses Buch über den libertären Camus ist somit fast notwendigerweise ein Anti-Sartre“ (S. 17).
Albert Camus, Sohn einer Spanierin und eines Elsässers, in Algerien geboren, kam schon in Algerien bei seiner journalistischen Arbeit in Kontakt mit anarchistischen Ideen, obwohl er von 1935 bis 1937 Mitglied der „Kommunistischen Partei Frankreichs“ (KPF) war. 1936 war er an der Gründung der „Kommunistischen Partei Algeriens“ beteiligt. Seine Aufgabe war es arabische Jugendliche für die KP zu gewinnen. Als Stalin 1936 die Einbindung der KPF in die Volksfrontregierung in Frankreich unterstützte, verlangte er aus bündnistaktischen Gründen eine Revidierung der antikolonialen Positionen der Kommunistischen Parteien in den französischen Kolonien. Camus, der auf seine antikoloniale Position nicht verzichten wollte, wurde 1937 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.
In Algerien war Camus als Journalist tätig. Er näherte sich den libertären Ideen an und kämpfte sein Leben lang gegen die Todesstrafe. In seinen Betrachtungen zur Todesstrafe legt Camus dar, welches libertäre Verständnis seinem Kampf gegen die Todesstrafe zu Grunde liegt: „Die Hinrichtung eins Menschen untersagen, hieße öffentlich verkünden, daß die Gesellschaft und der Staat keine absoluten Werte sind und daß nichts sie dazu ermächtigt, die endgültige Gesetze zu erlassen und Nichtwiedergutzumachendes zu schaffen“ (S. 70).
Neben Der algerische Camus gehört das Kapitel über Libertäre Pfade durch die Résistance zu den interessantesten in dem Buch von Marin. Hier wird der frühe Anarchopazifismus und die Auseinandersetzung mit Kollaboration und der Todesstrafe von Camus dargestellt. Während seiner journalistischen Tätigkeit in Algerien versuchte er die Zeitungen, bei denen er arbeitete, auf anarchopazifistischen Kurs zu bringen, was ihm teilweise auch gelang. Während der deutschen Besatzung in Frankreich schloß sich Camus zwar der Résistance an, beteiligte sich aber nicht an bewaffneten Aktionen. Er schrieb für die Zeitungen der Résistance und war gelegentlich auch Kurier. Trotz seiner gewaltkritischen Haltung schwieg er zu den bewaffneten Aktionen der Résistance. Obwohl er die Todesstrafe grundsätzlich ablehnte, schwieg er nicht nur zu den Hinrichtungen von VerräterInnen und KollaborateurInnen, sondern befürwortete sie in besonders harten Fällen und dies sogar bis Januar 1945. Doch danach bezog er wieder seine ursprüngliche Position und kritisierte die Hinrichtungen und setzte sich für zum Tode verurteilte KollaborateurInnen ein, sogar für Marschall Pétain. Camus ging es nicht so sehr um Rache, er wollte daß alle Nazi-KollaborateurInnen aus der Politik und aus der Kultur entfernt werden. Nach einer kurzen Phase der „wilden Säuberungen“, besann frau/mann sich in Frankreich auf die kollektive Verdrängung.
Seine antikoloniale, antinationale und gewaltkritische Haltung hat Camus immer wieder Kritik eingebracht und hat desöfteren zu Mißverständnissen geführt. Seine antinationale Haltung während des algerischen Befreiungskrieges wurde häufig als kolonial denunziert. Er kritisierte nicht nur die Gewalt der algerischen Befreiungsbewegung FLN, sondern auch deren panarabischen Nationalismus, der sich u.a. gegen die BerberInnen in der Kabylei richtete, da sie sich nicht Arabisieren lassen wollten. Der algerische Befreiungsnationalismus richtete sich aber auch gegen die Jüdinnen und Juden, die vor 500 Jahren aus Spanien nach Nordafrika geflüchtet waren und gegen spanischen AnarchosyndikalistInnen, die vor Franco nach Algerien flüchteten. Es gab keine Bestrebungen der FLN nach nicht-arabischen BündnispartnerInnen in Algerien zu suchen, um gemeinsam für eine freie Gesellschaft zu kämpfen. Camus wendete sich gegen den Nationalismus der FLN und sah die Lösung in einer algerisch-französischen Föderation, die allen dort lebenden Menschen gleiche Rechte einräumen sollte, ohne das eine Assimilation der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Algerien gefordert wurde. Angehörige islamischer Glaubensrichtungen konnten damals in Algerien nicht die französische Staatsangehörigkeit bekommen, obwohl Algerien als ein Teil von Frankreich betrachtet wurde.
Auch wenn wir heute sehen, daß der Befreiungsnationalismus der FLN fatale Folgen für das unabhängige Algerien hat(te), denke ich nicht wie Lou Marin, daß der Föderalismus ein wirklicher Ausweg in der damaligen Zeit aus der Zwickmühle gewesen wäre. In den Analysen von Camus - soweit sie von Marin rezipiert wurden - fehlt jede Auseinandersetzung mit Rassismus und einer Binnenkolonialisierung innerhalb einer französisch-algerischen Föderation. Denn eine Föderation hätte das koloniale Verhältnis zwischen Algerien und Frankreich nicht aufgehoben, und die ökonomische Entwicklung wäre ausschließlich an die Interessen Frankreich gekoppelt geblieben. Sicherlich wird anläßlich der aktuellen Gewalt in Algerien, die gewaltkritische und antipanarabische Position Camus wieder interessant, und es ist nicht verwunderlich, daß in Algerien Intellektuelle Camus und seine Positionen zur „algerischen Frage“ wiederentdecken.
Desweiteren macht es sich Marin mit der Bewertung des algerischen Unabhängigkeitkampfes zu leicht, dies wird besonders an dem Vergleich, den Marin mit Indien macht, deutlich. Marin unterscheidet zwischen den befreiungsnationalistischen Kampf in Algerien und den antikolonialen Kampf in Indien. Die heutige Gewalt in Algerien erklärt Marin mit der Gewalt im Befreiungskampf. Und wie erklärt sich dann die Gewalt im heutigen Indien, durch die Gewaltlosigkeit Ghandis? Marin differenziert wie viele andere AnarchistInnen nicht in Befreiungspraktiken und Freiheitspraktiken, diese können identisch sein, müssen es aber nicht. Gerade gewaltfreie AnarchistInnen gehen davon aus, daß die Mittel der Befreiung schon Bestandteil der zukünftigen Gesellschaft sein sollen/müssen. Dabei haben Algerien und Indien eins gemeinsam, nach der Unabhängigkeit bildete sich ein Nationalstaat heraus, der rassistisch, patriarchal, kapitalistisch und nationalistisch war und ist. Und dies ist die Ursache für die Gewalt in Algerien und Indien, und nicht die Art der Befreiung. Weder in Indien noch in Algerien kam es zur Freiheit nach der Befreiung, dieses Problem hatten auch die SandinistInnen in Nicaragua oder die erfolgreichen Befreiungsbewegungen in Angola, Simbabwe oder anderswo. Und ob die AnarchosyndikalistInnen in Spanien nach einem Sieg mehr Erfolg gehabt hätte, ist fraglich. Marin versucht dieses Problem auf die „Gewaltfrage“ zu reduzieren, doch dadurch wird eine produktive Ausseinandersetzung über Praktiken der Befreiung und der Freiheit erschwert, wenn nicht sogar verhindert.
Dabei stellt sich eine weitere Frage, die nach der Beziehung von Freiheit und Moral bei Camus und Marin. Lou Marin schreibt in der Einleitung: „Wenn Gott tot ist und es keine vorgesellschaftliche oder in der Natur des Menschen liegende moralische Instanz für die Beurteilung menschlicher Handlungen mehr gibt kann Freiheit sowohl zum freimütigen Morden der Nazis als auch zum befreienden Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit und die Natürlichkeit des Todes führen, zur Revolte - das philosophische Thema Camus' schlechthin“ (S.10). Die absolute Freiheit soll bei Camus durch eine ahistorische Moral in ihre Grenzen verwiesen werden. Hier stellen sich zwei Fragen: Gibt es überhaupt eine ahistorische Moral, eine Moral, die nicht hinterfragbar, nicht diskutierbar, nicht veränderbar ist, und wenn ja, wo kommt sie her. Obwohl Camus Agnostiker ist, hat er davon gesprochen, „daß es ohne Gottesvorstellung keine rationale Begründung und auch keine Praxis der Gewaltfreiheit möglich ist. Trotzdem sei es ihm nicht möglich gewesen, sich mit der Gottesidee anzufreunden“ (S. 199). Marin selbst tendiert dahin, „daß erst in der Revolte überhaupt ahistorische Werte - und dabei auch so etwas wie das Gewissen - gewonnen werden“ (S. 234). Doch dann sind diese Werte eindeutig historisch, also nicht universell. Ebenfalls stellt sich die Frage, ob eine ahistorische Moral nicht Negation der Freiheit schlechthin bedeutet. Gustav Landauer schreibt in dem Artikel Etwas über Moral, der am 5. August 1893 im Sozialist erschien ist: „Moral ist also, was anfängt: Du sollst. (...) Es gibt kein unverbrüchliches 'Du sollst' für ein freien Menschen!“
Das Leben und Werk von Camus hätte sich für eine Auseinandersetzung mit „Gewalt, Freiheit und Moral“ angeboten, doch dieses Thema hat Marin verschenkt. Auch etwas anderes bleibt uns Marin schuldig, das Verhältnis vom Ursprung der Revolte und die Transformation bestehender Gesellschaft. Das „Nein“-Sagen ist für Camus der Ursprung der Revolte, das nicht mehr ertragen, daß frau/mann selbst oder andere unterdrückt, erniedrigt, gequält oder ausgebeutet werden. Doch wie kommt Camus vom „Nein“-Sagen zur Transformation der Gesellschaft, muß nicht aus dem Ursprung der Revolte eine Revolution oder mehrere Revolutionen werden?
Marins Verdienst ist es uns, den vergessenen libertären Camus vorzustellen. Dieses Buch bietet den LeserInnen eine Reihe von Möglichkeiten für eigene Anschlüsse zu der Frage nach „Gewalt, Freiheit und Moral“. Es regt an, über die Fragen, die das Buch aufwirft, intensiv nachzudenken. Obwohl ich das Buch in dieser Rezension eher kritisiert habe, möchte ich das Buch von Lou Marin trotzdem empfehlen, und es produktiv für eine Auseinandersetzung zwischen „Freiheit“ und „Moral“ nutzen.