Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

John Holloway / Edward P. Thompson: Blauer Montag. Über Zeit und Arbeitsdisziplin, Edition Nautilus

Die Unterwerfung unter die abstrakte Zeit
Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus

Als ich mich in den 1990er Jahren während meines Architekturstudiums mit der Disziplinierung der ArbeiterInnen durch den Werksiedlungsbau beschäftigte bin ich auch auf den hervorragenden Text „Arbeit, Zeit und Industriekapitalismus“ von Edward P. Thompson gestoßen. Vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung 1967 (Erste Veröffentlichung der dt. Übersetzung 1973) bringt Edition Nautilus diesem Text mit einer Einleitung von John Holloway erneut heraus. Es war eine Freude diesen Text nach Jahren erneut zu lesen.

Gelebte und abstrakte Zeit

Der Text von Thompson beschreibt die Transformation der Zeit am Beispiel der Entwicklung des Merkantilismus und des Industriekapitalismus in England. Er zeigt uns, dass es keine „Zeit-an-sich“ gibt, dass die Zeit ein umkämpftes Feld ist. Mit der Durchsetzung der mechanischen Zeitmessung beginnt eine neue Zeit. Die älteren Formen der Zeitmessung orientierten sich am menschlichen Tun und standen mit dem Arbeitszyklus und der Hausarbeit in Beziehung. So wurde z.B. in Madagaskar die Zeit mit „einem Reiskochen“ (etwa ein halbe Stunde) oder „mit dem Braten einer Heuschrecke“ (ein kurzer Augenblick) gemessen, solche Beispiele gab es vielerorts. Die Arbeit der bäuerlichen Gemeinschaften orientiert sich an die Jahreszeiten, die der Fischer an die Gezeiten. Die gesellschaftliche Zeit im Seehafen wird vom Rhythmus des Meeres bestimmt. Ebenso gab es einen starken Bezug des Raumes und der Entfernung zur Zeit, so wurde die Entfernung u.a. in Tagesmärschen und die Größe landwirtschaftlicher Flächen in u.a. in „Tagwerk“ und „Morgen“ angegeben.
Mit der Durchsetzung der Uhrzeit beginnt der Sieg der abstrakten Zeit über die gelebte Zeit. Der Uhrzeit ist es egal, was passiert, wie sie gefüllt wird. „Eine Sekunde ist ein Sekunde ist eine Sekunde. Eine Minute ist eine Minute ist eine Minute. Für die Uhr ist eine Stunde immer gleich, unabhängig davon, ob wir leben oder sterben, ob wir in der Schule sitzen oder Liebe machen“ (John Holloway, S. 7). Die Verbreitung der Uhrzeit hat zwischen 1300 und 1650 das Zeitverständnis des europäischen Kulturkreises verändert. Mit den Aufkommen der Manufakturen und der Mechanisierung der Arbeit nimmt die Bedeutung der Zeit zu, da der Arbeitsprozess zunehmend synchronisiert wurde. Eine Maschine, die eine bestimmte Zeit läuft, produziert eine bestimmte und vorausberechenbare Menge Waren, und zwar zu jeder Stunde die gleiche Menge. Der von den Menschen selbst gewählte Arbeitsrhythmus sah anders aus. Galt es eine bestimmte Menge Waren in einer Woche zu produzieren, fing frau und mann erst einmal mit den blauen Montag an, steigerte sich täglich, um dann am letzten Tag die restlichen notwendigen Waren zu produzieren. „Wo immer die Menschen ihren Arbeitsrhythmus selbst bestimmten konnten, bildete sich ein Wechsel von höchster Arbeitsintensität und Müßiggang heraus. (Dieser Rhythmus besteht noch heute in selbständigen Berufen – bei Künstlern, Schriftstellern, Kleinbauern und vielleicht auch Studenten – und wirft die Frage auf, ob dies nicht ein ‚natürlicher’ menschlicher Arbeitsrhythmus sei.) (Thompson, S. 38). Zum blauen Montag gehörte zumindest für die Männer auch die ausgiebige Zeche am Wochenende. So wurde der blaue Montag, dem häufig noch ein blauer Dienstag folgte, zum beliebten Angriffsziel viktorianischer Moralaposteln.

Zeitdisziplin und Fabriksystem

Der unregelmäßige Arbeitsrhythmus gefiel den ManufakturbesitzerInnen ebenfalls nicht und sie propagierten die Notwendigkeit niedriger Löhne als Mittel gegen den Müßiggang. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts tauchen die kapitalistischen Lohnreize als Instrument der Leistungssteigerung der ArbeiterInnen. auf. Die Zeit wurde – und ist es heute noch – ein umkämpftes Feld in den Manufakturen und Fabriken. So finden wir schon um 1700 das System der Kontrollkarten, AufseherInnen, DenunziantInnen und Fabrikstrafen vor. Doch die Disziplinierung sollte nicht auf die Fabriken und Werkstätten beschränkt bleiben. Das rationelle Zeitbewusstsein sollte ebenfalls in der Heimindustrie Einzug erhalten, und auch das häusliche und soziale Leben bestimmen. In ein Pamphlet von 1755 wurde beklagt, dass bei Beerdigungen und Hochzeiten, die Straßen voll von ZuschauerInnen seien, „die trotz ihres elenden Hungerlebens … keine Skrupel haben, die besten Stunden des Tages mit Gaffen zuzubringen“. Die Teetische, Kirmes und Festtage seien „widerwärtige Vertilger von Zeit und Geld“, genauso wie das „faule In-den-Tag-Schlafen“. Ebenso würde das Frühaufstehen „eine exakte Regelmäßigkeit in ihre Familien bringen, eine wundervolle Ordnung in ihre Wirtschaft“ (S. 53). Während der Phase der industriellen Revolution hatten die Werkssiedlungen eben auch die Funktion den ArbeiterInnenfamilien eine „methodische Lebensführung“ nahe zubringen. Die Schulen und das Militär wurden ebenfalls zu einem Ort, wo das „rationelle Zeitverständnis“ erzieherisches Ziel war. Die Kinder sollten in den Schulen zum „unermüdlichen Fleiß“ erzogen werden, der Kampf gegen den Müßiggang sollte möglichst früh beginnen.
Auf den Angriff auf die überkommenen Arbeitsgewohnheiten – dem „natürlichen“ Arbeitsrhythmus – ließen die Reaktionen nicht auf sich warten: „In der ersten Phase finden wir lediglich Widerstand. Danach aber, sobald sich die neue Zeitdisziplin durchgesetzt hat, beginnen die Arbeiter zu kämpfen, und zwar nicht gegen, sondern um die Zeit“ (Thompson, S. 55). Hatte sich die erste Generation der ArbeiterInnen noch gegen den geregelten Arbeitsrhythmus gewehrt, kämpfte die Zweite in der Zehn-Stunden-Bewegung für kürzere Arbeitszeiten, und die dritte für Überstunden und Feiertagszuschläge. Sie hatten die Kategorien ihrer ArbeitgeberInnen verstanden und verinnerlicht, nun hatten sie es endlich begriffen: „Zeit ist Geld!“.

Zeit, Macht und Wissen

Doch immer wieder gibt es eine „erste Generation“, hatte in Spanien die anarchosyndikalistische CNT nach ihrer Gründung großen Zuspruch unter der „ersten Generation“, waren es auch in Italien Ende der 1960er die ZuwanderInnen aus dem Süden, die die Arbeitskämpfe im industrialisierten Norden radikalisierten. Aber noch immer gelingt es dem Kapital die „erste Generation“ zu disziplinieren und zu domestizieren. Die neue Zeitdisziplin wurde durch Arbeitsteilung und Arbeitsüberwachung, mit Geldstrafen, Glocken- und Uhrzeichen, Geldanreize, Predigten und Erziehungsmaßnahmen durchgesetzt. Zu diesem Kontext gehört auch die „wissenschaftliche Arbeitsorganisation“, die von Frederick Winslow Taylor (1856-1915) begründet wurde. Er wollte auf der Grundlage von Zeit- und Bewegungsstudien die Arbeit neu und effektiver organisieren. Der Produktionsprozess soll in einzelne Arbeitsgänge zergliedert werden und die ArbeiterInnen in „PlanerInnen“ und „Ausführende“ aufgeteilt werden. Henry Ford perfektionierte durch die Einführung des Fließbandes die tayloristische Arbeitsorganisation. Das neue „Macht-Wissen-Regime“ der Arbeit bedeutete eine Enteignung des Produktionswissens der ArbeiterInnen, mit dem Ziel sie besser kontrollieren zu können. Die ArbeiterInnen, die sich nicht der „industriellen Lebensweise“ verpflichtet fühlten, mussten weiterhin diszipliniert und dahin erzogen werden.
Das Zeitverständnis der vollausgebildeten Industriegesellschaft ist durch ein strengen Zeiteinteilung und einer klaren Trennung von „Arbeit“ und „Leben“ gekennzeichnet. Im Jahre 1963 stellt sich für Thompson die Frage nach dem Umgang mit einer zunehmenden freien Zeit in einer automatisierten Zukunft: „Welche Erfahrungsmöglichkeiten haben die Menschen, die über diese ungesteuerte Zeit verfügen?“ So stellt sich Thompson die Frage, „wieweit diese Zeit nutzbringend angewandt wird oder wieweit sie von der Freizeitindustrie ausgebeutet wird. Wenn aber der zweckgebundene Umgang mit der Zeit an Zwang verliert, dann müsste der Mensch vielleicht auch wieder etwas von jener Lebenskunst lernen, die in der vorindustriellen Revolution verloren ging: Wie die Zwischenräume seiner Tage mit bereichernden und spannenden persönlichen und sozialen Beziehungen zu füllen sind, wie einmal mehr die Schranken zwischen Arbeit und Leben eingerissen werden können“ (Thompson, S. 69).

Krise der abstrakten Zeit

In seinem Vorwort „Thompson und die Zersetzung der abstrakten Zeit“ sieht Holloway die Trennung von Zeit und Tun in der Krise und diese Krise der abstrakten Zeit sind wir. Wie wir schon von Foucault wissen, ist die Existenz von Herrschaft nicht ohne den Widerstand dagegen vorstellbar. So ist für Holloway die „Abstraktion der Arbeit […] ohne die Revolte des Tuns nicht vorstellbar. Die Abstraktion der Zeit stellt sich ständig der konkreten Zeit entgegen. In diesem Sinne ist die Krise des Kapitals, der Arbeit, der Zeit eine permanente Krise: Wir sind die Krise“ (Holloway, S. 9). Er fragt sich, ob es einer Zersetzung der Uhr-Zeit gibt, an der wir beteiligt sind. Er glaubt, dass dem so ist. Die Zeit sei in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren zu einem Thema im Klassenkampf geworden, nicht nur in quantitativer sondern auch in qualitativer Hinsicht. Für Holloway kommt es „zu einem plötzlichen Anwachsen der Revolte der konkreten Zeit gegen die abstrakte Zeit und zu einem plötzlichen Anwachsen des Kampfes des Tuns gegen die Arbeit“ (Holloway, S. 9). Die Krise des Fordismus ist auch eine Krise der Arbeit und eine Krise der tayloristischen Arbeitsorganisation. Nun ist das Wesen der Zeit ein ständiges Thema in antikapitalistischen Kämpfen. Für Holloway kann das Einreißen von den Grenzen zwischen Arbeit und Leben nur auf zwei Arten aufgefasst werden: „entweder als Prozess der Aufhebung der Entfremdung der Arbeit, deren Verwandlung in Tun, welches wir kontrollieren, dessen Rhythmus wir wählen, oder als Ausbreitung der Fabrikdisziplin auf die ganze Gesellschaft (um die 'gesellschaftliche Fabrik’) zu konstituieren)“ (Holloway, S. 10).
Die gegenwärtige neoliberale Transformation der Arbeit innerhalb eines entgrenzten Kapitalismus, bedeutet den Zugriff des Kapitalismus auf das ganze Leben, das Ende der Teilung von „Arbeit und Leben“, von Freizeit und Arbeitzeit, von Arbeitsplatz und Zuhause. Die Kultur des neuen Kapitalismus führt zu einer Flexibilisierung von Zeit und Raum jedes einzelnen Menschen, aus ArbeiterInnen werden „ArbeitskraftunternehmerInnen“(1). Der entgrenzte Kapitalismus ist aber keine Disziplinargesellschaft mehr, sondern die „gesellschaftliche Fabrik“ funktioniert als Kontrollgesellschaft.
Holloway hält solch eine Schlussfolgerung für zu voreilig, dies könne frau/mann von Thompson lernen, denn er erlaubt es uns, zu verstehen, „dass die Zeit immer ein Kampf ist, dass sie immer einen Zusammenstoss zwischen den Zeiten darstellt“ (Holloway, S. 10). Die Zeit ist nicht nur ein Feld der Herrschaft, sondern auch des Kampfes. Aber solange die Menschen in den „neoliberalen Freiheiten“ Möglichkeiten von „Selbst“bestimmung und „Selbst“verwirklichung sehen, anstatt eine neue Form der Unterwerfung und Verwertung, stehen die Chance für eine Aufhebung der Entfremdung der Arbeit nicht besonders gut. Aber Holloway hat Recht, wenn er sagt: „Die Erschaffung einer Welt gesellschaftlicher Selbstbestimmung erfordert in vielerlei Hinsicht eine entspanntere Zeit als die kapitalistische Zeit. Sie benötigt Zeit, um nachzudenken und zu diskutieren“ (S. 15/16). Die Aufhebung des Kapitalismus verlangt nicht nur die Abschaffung des Privateigentums, sondern auch die Abschaffung dieser spezifischen Form der Arbeit(2), und damit auch die Aufhebung abstrakten Zeit.

(1) vgl. Jürgen Mümken: Schöne neue Arbeitswelt! Die neoliberale Transformation der Arbeit. In: FAU-MAT (Hrsg.): Gender und Arbeit. Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus, Lich/Hamburg 2006
(2) vgl. Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003