Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Marvin Chlada: Heterotopie und Erfahrung. Abriss der Heterotopologie nach Michel Foucault, Aschaffenburg 2005 – Alibri Verlag

Lesereise in wirkliche und wirksame Orte

Als ich vor fast 10 Jahren an meiner Diplomarbeit als Architekturstudent über „Die Foucaultsche Machtanalyse und die Transformation des Raumes in der Moderne“ schrieb, wollte ich ein Kapitel über den heterotopischen Raum bei Foucault schreiben. Damals hatte ich kaum für mich interessante Literatur dazu gefunden, was zum einem daran lag, dass es bis dato wenig Literatur darüber gab, aber zum anderen auch daran, dass ich damals noch ein eingeschränkten Raumbegriff hatte. So blieb es bei einer Darstellung des Inhalts des Vortrags „Andere Räume“ von Foucault. Das besondere Interesse von Foucault in diesem Vortrag galt den Räumen, deren besondere Eigenschaft es ist, sich auf alle anderen Räume zu beziehen, aber so dass sie die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren. Diese Räume gehören zu zwei großen Typen, die Foucault „Heterotopien“ und „Utopien“ nennt. Gegenüber den Utopien als Plazierungen ohne wirklichen Ort sind die „Heterotopien“ wirkliche und wirksame Orte, die in der Errichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager. Es handelt sich dabei um Räume, die die „Normalität“ des Alltags außer Kraft setzen, die Perspektive verkehren, Grenzorte, Grenzerfahrungen.
Nachdem ich in den letzten Jahren die Heterotopien etwas aus den Augen verloren hatte, hoffte ich nun mit dem Buch „Heterotopie und Erfahrung“ vom Marvin Chlada etwas mehr über die Heterotopie als wirkliche und wirksame Orte zu erfahren. Doch Chlada schlägt einen anderen als von mir erhofften und erwarteten Weg ein. Er spürt die Heterotopie u.a. in der Literatur auf. So kann „Heterotopie und Erfahrung“ als Ergänzung und/oder Erweiterung zu seinem ebenfalls lesenwertes Buch „Der Wille zur Utopie“ (ebenfalls Alibri Verlag) gelesen werden. Chlada hatte in diesem Buch eine wunderbare Odyssee durch das Universum der sozialen und technischen Phantasien von der Antike bis zur Postmoderne unternommen. In seinem neuen Buch wendet er sich ergänzende und andere Themen zu.
Nach dem Chlada recht ausführlich und verständlich den Begriff der Heterotopie erklärt, wendet er sich der Ordnung der Utopie zu. Hier beschäftigt sich Chlada u.a. mit Marquis de Sade und dem von Bevormundung befreiten bürgerlichen Subjekt. Dieser Beitrag beginnt mit dem Zitat von de Sade: „Meine Denkweise, sagen Sie, kann man nicht gutheißen. Nun, was interessiert mich das! Derjenige ist schön verrückt, der die Denkweise der anderen übernimmt“. Im zweiten Teil geht es dann um Heterotopie und Erfahrung, die Chlada an den Themen „Heterologie und Mythos“ (Georges Bataille), „Heterotopologie und Macht“ (Michel Foucault) und „Heterotopie und Science Fiction“ (Samuel R. Delany) aufzeigt. In dem leider vergriffenen Science Fiction-Roman „Triton“ (Erstveröffentlichung 1976) von Delany geht es um die Erfahrung des Anderen. Delany, der sich in diesem Roman auf den Heterotopie-Begriff von Foucault bezieht, hat auf Triton eine Welt erschaffen, in der es zahlreiche alternative Lebenswelten gibt, in der jedeR tun und lassen kann, was sie oder er will. Das zentrale Moment dieses Romans ist, das Delany die Frage von Foucault „Brauchen wir ein wahres Geschlecht?“ mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortet. Auf Triton ist alles möglich, die Menschen können zwischen 40 und 50 Geschlechtern, doppelt so viele Religionen und mehreren sexuellen Orientierungen entscheiden. Mit Technik kann nach belieben Geschlecht und sexuelle Orientierung gewechselt werden, der Körper kann aber auch regeneriert oder einfach grün eingefärbt werden. Es gibt keine unterwerfende und normierende Subjektivität. Es gibt keine identitäre Vorstellung von sex und gender. Die binäre Ordnung der Geschlechter und die Zwangsheterosexualität sind auf Triton überwunden. Der Körper und die Sexualität sind keiner Norm unterworfen. Triton ist Heterotopia.
Im Anhang befindet sich u.a. ein Interview Rudolf Stumberger über das Genossenschafts- und Wohnmodell „Familistére Godin“. Der in der Tradition des Frühsozialisten Charles Fourier stehende Unternehmer Jean-Baptiste André Godin erbaute 1859 die Großwohnanlage „Familistére Godin“, die so genannten Sozialpaläste, für die Arbeiter seine Ofenfabrik. Im Gegensatz zu den disziplierenden und normierenden Werkswohnungsbau von z.B. Krupp, waren die „Familistére Godin“ für das gemeinsame Zusammenwohnen gebaut worden. Nicht Individualisierung, sondern die Assoziation stand im Mittelpunkt. 1880 hat Godin die Firma und das „Familistére Godin“ an seine Arbeiter übergeben. Es wird von einer Association als Genossenschaft weitergeführt und 1968 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Aber ist das „Familistére Godin“ wirklich eine Heterotopie im Sinne einer gelebten Utopie oder nicht doch eher einer gelebten Dystopie?
In ihrem Comic „Die Stadt, die es nicht gab“ (1977) von Pierre Christin und Enki Bilal erbaut die Fabrikbesitzerin Madeleine Hannard eine Idealstadt für ihre Arbeiter. Da gibt es zwei befreundete Arbeiter Georg und Luis. Luis zieht in die neue Idealstadt ein und sucht sich eine neue Arbeit an einem anderen Ort, um dort den Klassenkampf fortzuführen. In der Idealstadt ist alles sauber, alle haben genug zu essen, die Kinder gehen in die Schule. Es herrscht eine ausgesprochene Harmonie und sozialer Frieden. Irgendwann reicht Luis diese Harmonie, die keine Freiheit bedeutet. Er verlässt die Idealstadt. Das Fazit des Comics, das die Alternative zur kapitalistischen Klassengesellschaft anderswo gesucht werden muss, nicht aber in der Idealstadt oder im „Familistére Godin“.
„Heterotopie und Erfahrung“ ist aber eine spannende Reise in andere Lebenswelten und Subjektivitäten.
Eine Lesereise die sich lohnt.