Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Fred Kautz: Die Holocaust-Forschung im Sperrfeuer der Flakhelfer. Vom befangenen Blick deutscher Historiker aus der Kriegsgeneration, Frankfurt am Main 2002 – Verlag Edition AV

Die deutschen Historiker und die Holocaust-Forschung

Es gibt wichtige Bücher, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. So ist es erfreulich, dass ein kleiner engagierter Verlag – Edition AV aus Frankfurt am Main – genau so ein Buch trotzdem neu aufgelegt hat. Es handelt sich dabei um die Arbeit von Fred Kautz, die zuerst 1998 im Argument-Verlag erschienen ist. Worum geht es in diesem Buch? Kautz beschäftigt sich der Reaktion der führenden deutschen Historiker auf Goldhagen und sein Buch „Hitlers willige Vollstrecker“. Das deutsche Historiker-Triumvirat – oder wie Kautz sie nennt, die „hürnen Sewfriedte“ – bestehend aus Hans Mommsen, Eberhard Jäkel und Hans Ulrich Wehler lehnen die in dem Buch aufgestellten Thesen zum Holocaust von Goldhagen ab. Wehler bezweifelt sogar, ob Goldhagen als Sohn eines Holocaust-Opfers überhaupt das Recht habe, die Geschichte des Holocausts zu erzählen. Die Söhne und Töchter der TäterInnen scheinen dafür besser geeignet zu sein, so verfasste doch Theodor Schieder – der Doktorvater von Wehler – 1939 im Auftrag der „norddeutschen Forschungsgemeinschaft“ den ersten Entwurf für den späteren „Generalplan Ost“ (vgl. S. 106). Mommsen Vater, der Historiker Wilhelm Mommsen, beteiligte sich 1930 unter der Berufung auf den hoch angesehenen antisemitischen Historiker Heinrich von Treitschke an der Treibjagd auf den vielgelesen Biographen Emil Ludwig, der ursprünglich Emil Cohn hieß. Wilhelm Mommsen schätze Richard Wagner sehr, „weil dieser 'einer der ersten’ gewesen sei, der 'die Judenfrage nicht als konfessionelles Problem ansah, sondern vom Rassegedanken ausging’“ (S. 105).
Obwohl Goldhagen die These einer Kollektivschuld zurückwies, „denn nur die Mörder sind für Goldhagen schuldig im juristischen Sinne“ (S. 45), wird ihm dies immer wieder von seinen KritikerInnen vorgeworfen. Da äußert sich Jäkel z.B. folgendermaßen: „Wiederholt sagt Goldhagen, man müsse die Deutschen und ihren Antisemitismus... 'anthropologisch’ betrachtet (etwa S. 45). Damit verrät er seinen ganzen Ansatz. Unter Anthropologie kann man Verschiedenes verstehen. Sie ist auch Teilgebiet der Biologie, die die angeborenen und nicht die erworbenen Eigenschaften untersucht. Daraus ist die Rassenlehre hervorgegangen und aus ihr der rassistische Antisemitismus. Goldhagen bringt sich in eine verdächtige Nähe zu diesem bioligistischen Kollektivismus“ (S. 41). Und Wehler: „An die Stelle des auszulöschenden ‚auserwählten Volkes’ tritt das ‚verworfene Volk’ der Deutschen als Inkarnation des Bösen“ (S. 42). So ist es auch nicht verwunderlich, dass Jäckel „Hitlers willige Vollstrecker“ „einfach ein schlechtes Buch“ nannte und der mittlerweile verstorbene Rudolf Augstein Goldhagens Forschungsergebnisse als dünn bezeichnete, sie würden sogar gegen Null tendieren. Die Abwehrreaktionen gegenüber Goldhagen stehen in einem direkten Zusammenhang mit der Befangenheit deutscher Historiker aus der Kriegsgeneration, diese wird von Kautz hervorragend herausgearbeitet.
So ist Kautz sehr zu recht über die akademischen Anstrengungen in Deutschland verärgert, zu verniedlichen, was nicht verneint werden kann, und zu trivialisieren, was nicht zu verheimlichen ist. Aber es sind Bücher wie dieses, die uns diese Wirklichkeit verdeutlichen. Das Buch von Kautz ist lesens- und empfehlenswert auch für alle Nicht-HistorikerInnen, und liest sich spannend und ist auch fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch informativ zum gegenwärtigen Stand der Holocaust-Forschung in Deutschland.