Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen. Klöpfer & Meyer

Work is Freedom. Freedom is work …

ist einer der Grundsätze des Trainingslagers „Sphericon“, in dem Arbeitslose fit für ihre Bewerbungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht werden sollen. Es ist mittlerweile das Jahr 2012, wie viele Arbeitslose es gibt, weiß keiner so genau, die Berechnungsformeln werden ständig geändert. Regelmäßig werden Arbeitslose von der „Bundesagentur für Arbeit“ mit Busse zur Fortbildung in die Trainingslager verschickt. Der Bus hat an der Seite den sinnigen Slogan „Deutschland bewegt sich“.
Der Schulleiter von „Sphericon“ erklärt den neu angekommenen TeilnehmerInnen, den Trainees, die neue Arbeitsideologie: „Während der gesamten Menschheitsgeschichte war Arbeit a priori gegeben. Sie har die Menschen Jahrtausende lang begleitet, belagert, verfolgt. In den letzten Jahren hat sich dies verändert. Die Arbeit verfolgt nicht mehr. Wir verfolgen sie. Wir fahnden nach ihr. Mit allen Mitteln. Wie nach einem kostbaren Rohstoff. Oder wie der Jäger nach Beute. Die eigentliche Arbeit ist heute nicht mehr die Arbeit selbst, sondern die Suche nach Arbeit. Vielleicht gar ihre höchste und vollendetste Form. Arbeitssuche ist ein irreführendes Wort. Sucharbeit ist das Wort. Ein Arbeitsloser leistet fortwährende Sucharbeit“ (S. 34).
Diese Sucharbeit sollen nicht nur bei die Trainees verinnerlicht werden, sondern von der ganzen Gesellschaft, deshalb gibt es die Fernsehserie „Job Quest“. Dort geht es um die fortwährende Suche nach Arbeit mit wechselnden Protagonisten, die nach unzähligen Kämpfen und Rückschläge in letzter Minute eine Arbeit finden. In der Serie hat kein Mensch Arbeit aus Zufall oder weil sie oder er sie immer schon hatte. Die Arbeit muss sich verdient, erkämpft und erzwungen werden. „Job Quest“ gibt es selbstverständlich als Fortsetzungsroman zum Lesen oder als Computerspiel.
JedeR, die oder der einmal ein Bewerbungstraining als ErwerbsloseR mitmachen musste, weiß welche Bedeutung der Lebenslauf bei der Selbstvermarktung der Arbeitskraft besitzt. Hier bei „Sphericon“ wird dies noch auf die Spitze getrieben, denn hier folgen Lebensläufe ihrer eigenen Wahrheit und Möglichkeit: „Ein gelungener Lebenslauf ist nicht das, was gewesen ist, sondern das, was gewesen sein könnte oder gewesen sein sollte – um ein Leben zu irgendeinen Erfolg zu bringen“ (S. 134). Von den Trainees wird nicht Wirklichkeitssinn, sondern Möglichkeitssinn gefordert. Es geht nicht um die Übereinstimmung von Lebenslauf und Lebenswirklichkeit, sondern um die innere Stimmigkeit.
Der Höhepunkt ist, dass die Trainees, die Chance bekommen, sich um eine Stelle als Trainer bei „Sphericon“ zu bewerben. Das Bewerbungsverfahren funktioniert wie eine Casting-Show, die fünf besten treten in der Endrunde gegeneinander an: „Jedes Vorstellungsgespräch dauert 30 Minuten: Es beginnt mit einen fünfzehnminütiges Soloprogramm jedes Bewerbers in Form von Vortrag, Schauspiel, Revue, Tanz oder Musik. Dem folgt ein fünfzehnminütiges Kreuzverhör des Bewerbers durch Schulleitung und Trainerstab. Am Ende des Abends wird der am wenigsten überzeugende Bewerbungsvortrag per Votum des Publikums selektiert“ (S. 132). Mit den verbleibenden BewerberInnen geht das Verfahren weiter, ähnlich wie bei den aktuellen Casting-Shows im Fernsehen, bilden sich Fan-Gruppen die verschiedenen BewerberInnen. Was ist, wenn frau und mann nicht mitmachen will, sich nicht bewerben will? Karla, eine der Trainees weigert sich, um bekommt die Repression von „Sphericon“ zu spüren.
In seinem Roman „Schule der Arbeitslosen“ beschreibt Joachim Zeltner in kafkaesk-orwellscher Weise die „Diktatur des Coaching“. Kühl und ironisch wird hier der Zynismus neoliberaler Subjektivitäten entlarvt. JedeR, die oder der schon einmal ein Coaching der Arbeitsagentur mitmachen musste, erkennt Elemente gegenwärtige Praxen wieder. Diesen Roman sollten aber auch jene Lesen, die sich noch nicht in den unterwerfenden Mühlen der Arbeitsagentur befinden.