Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Subcomandante Marcos / Taibo II, Paco Ignacio: Unbequeme Tote, Assoziation A

Unbequeme Tote

Ab Dezember 2004 erschien in der mexikanischen Tageszeitung „La Jornada“ der vierhängige interaktive Kriminalroman „Muertos incómodes“, der von Paco Ignacio Taibo II und Subcomandante Marcos als Fortsetzungsroman in zwölf Kapiteln geschrieben wurde. Jede Woche erschien ein Kapitel, abwechselnd geschrieben, ein Plot mit Open End. Nun liegt im Verlag Assoziation A, der schon mehrere Romane von Taibo veröffentlich hat, eine deutsche Übersetzung vor.
Der Detektiv Hector Belascoarán Shayne und die „Ermittlungskommission“ Elías Contreras (Contreras – immer gegen alles; diesen Namen bekam er vom Sub; die beiden lernten sich 1992 kennen) machen sich auf die Suche dem Bösen, der für das Böse verantwortlich ist und der Böse hat einen Namen: Morales.
Da es in den zapatistischen Gebieten keine Detektive gibt, werden dort die Mord- und andere Problemfälle von einer „Comisión de investigación“ (Ermittlungskommission) aufgeklärt, die auf Anweisung der Generalkommandantur der EZLN handelt. Die „Ermittlungskommission“ Elías Contreras ist der vom Subcomandante Marcos geschaffene indegene Ermittler, der seine ganz spezielle Sicht auf die Dinge der Welt hat. Im Auftrag vom Subcomandante Marcos macht er sich auf den Weg ins „Monstrum“ (Mexico-Stadt) um dort gemeinsam mit Hector Belascoarán Shayne zu ermitteln. Hector Belascoarán Shayne hat schon in einigen Kriminalromanen von Taibo ermittelt. Im Jahre 1977 hatte er in „Cosa Facil“ (dt. „Eine leichte Sache“ bei Nautilus) den Auftrag von Campensinos aus Chiapas bekommen, den angebliche noch lebenden Revolutionär Emiliano Zapata zu suchen, da dieser dringend in Chiapas gebraucht würde. Hector Belascoarán Shayne konnte damals den Campensinos nicht helfen, denn Zapata war tatsächlich 1919 ermordet worden. Aber auch ohne die Hilfe von Zapata konnte 1984 in Chiapas die EZLN gegründet und aufgebaut werden. Am 1. Januar 1994 hieß es dann endlich „Ya Basta!“ und der Aufstand in Chiapas begann.
Nach dem Tod des katalanischen Krimiautors Manuel Vázquez Montalbán findet dessen Sohn Unterlagen über einen gewissen Morales, der in dubiose Geschäfte zwischen Mexiko und Spanien verwickelt ist. Es war Pepe Carvalho, der im Auftrag Manuel Vázquez Montalbán recherchierte, der die Information sammelte. Der Sohn stellte sie dann der EZLN zu Verfügung, die dann Elías Contreras beauftragte. Unabhängig davon erhält auch Hector Belascoarán Shayne einen Auftrag, in dem ein Morales eine Rolle spielt. Dieser Morales ist anscheinend verantwortlich für alle Schlechtigkeiten der schlechten Regierung in Mexiko-Stadt und der mexikanischen Politik und Wirtschaft der letzten 40 Jahren: für die Korruption, für den schmutzigen Krieg Ende 60er und Anfang der 70 Jahre, für die Ausplünderung der Naturressourcen, für den Verrat der EZLN. Doch die Ermittlungen ergeben, das nicht einen Morales gibt, sondern viele. Es gibt eben nicht den Bösen schlechthin. Der Roman ist, typisch für Taibo, fiktiv und wahr.
Der Roman ist ein richtiger Lesespaß nicht nur für Taibo-Fans, denn auch der Sub hat ja bekanntlich einiges literarisch zu bieten. Elías Contreras, der die spanische Grammatik permanent auf den Kopf stellt und dabei ein „tzotzilisiertes Spanisch“ (Taibo) hervorbringt, ist ein echter Gewinn für die ErmittlerInnen-Szene. Hoffentlich bekommen wie irgendwann neue Abenteuer von Elías Contreras zu lesen, und auch Taibo sollte Hector Belascoarán Shayne nicht wieder einmotten.