Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Paco Ignacio Taibo II: Die Rückkehr der Schatten, Assoziation A

Die Rückkehr der Schatten

Der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II ist den LeserInnen bekannt durch seine Biographie des lateinamerikanischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara, seinen Roman Vier Hände und den Kriminalromanen mit dem Privatdetektiv Hector Belascoarán. Paco I. Taibo II wurde 1949 in Gijon (Spanien) geboren, als er 8 Jahre alt war, verließen seine Eltern Franco-Spanien. Seit dem lebt er in Mexiko als Schriftsteller, Journalist und Historiker und gilt als der Begründer des neuen mexikanischen Kriminalromans.
Mit Die Rückkehr der Schatten macht Taibo da weiter, wo er bei Vier Hände aufgehört hat. Er überlagert geschichtliche Realitäten und Fiktionen solange, bis die tolldreiste Geschichte von Nazi-Agenten 1941 in Mexiko absolut plausibel erscheint und gießt ein Füllhorn von erzählerischer Opulenz über sein verblüfftes Publikum. Ein Nazi-Agentennetzwerk ist im Land aktiv und in Chiapas üben deutsche Kaffeebarone eine Willkürherrschaft aus. Das „Deutsche Reich“ will Einfluss auf die Politik des Landes gewinnen und die Regierung zögert und versucht sich Neutralität. Doch die Passivität täuscht, die Nazis und die mexikanische Regierung haben die Rechnung ohne den Chinesen Tomás Wong, den Journalisten Manterola und den Dichter Fermín Valencía. Als eine Art moderne Musketiere und soziale Kämpfer nehmen sie die Auseinandersetzung auf und lassen ihrer Unversöhnlichkeit und ihrem Rachdurst freien Lauf. Daneben taucht immer mal wieder ein betrunkener Ernest Hemingway auf, der versucht ein Roman zu schreiben und auf Kuba interessante Entdeckungen macht. Die Schriftsteller Ludwig Renn, Egon Erwin Kisch und Bodo Uhse tauchen nach ihre Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg, ebenfalls in Mexiko und damit in diesem Roman auf und erklären mit Hilfe eines Rabbis Manterola die Verbindung zwischen Esoterik, Okkultismus und Nationalsozialismus. Tomás Wong durchquert den Urwald in Chiapas als gelber Leguan und rächt die von den deutschen Kaffeebaronen und ihren Handlangern Gedemütigten und Gequälten.
Im Nachwort schreibt Taibo, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit in Die Rückkehr der Schatten nicht besonders deutlich sind, „nicht einmal für den Autor“. Er hat die historischen Daten großzügig retuschiert und dass Dinge, die sich über mehrere Jahre hinweg ereignet haben auf die Zeit zwischen Sommer 1941 und Sommer 1942 komprimiert hat. Bei Taibo haben z.B. alle deutschen Agenten den Roman Über den Fluss und in die Wälder gelesen, dieser ist aber erst sieben Jahre später geschrieben und 1950 veröffentlicht wurden. Aber auch an anderen Stellen manipuliert Taibo die Geschichte, den die deutsche Botschaft in Mexiko-Stadt befand sich nicht an der Ecke Hamburgo und Insurgentes, aber Taibo fand es eben besser sie dahin zu verlegen. Gerade das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit macht diesen Roman so lesenswert. Beim Lesen habe ich immer wieder nach dem historischen Wahrheitsgehalt des Romans gefragt. Aber was ist schon Wahrheit? Taibo ist mal wieder ein grandioser Roman gelungen und obwohl kein Kriminalroman spannend bis zum Schluss.
Und Assoziation A hat schon den nächsten Knüller angekündigt. Der populärste Kriminalschriftsteller des Landes und der steckbrieflich gesuchte, überaus wortgewandte Sprecher einer bewaffneten Befreiungsbewegung schreiben gemeinsam einen Roman, der in wöchentlichen Vorabdrucken in der bekanntesten linken Tageszeitung erscheint. Die Autoren sind der Sprecher der Zapatistas, Subcomandante Marcos, und Paco Ignacio Taibo II. Die Zeitung die mexikanische "La Jornada". Für den Sommer ist die deutsche Übersetzung von Unbequeme Tote angekündigt. Lassen wir uns überraschen!