Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Frédéric H. Fajardie: Rote Frauen werden immer schöner, Assoziation A

Rote Frauen werden immer schöner
Roman NOIR bei Assoziation A

Nachdem schon seit einiger Zeit der Distel Literaturverlag eine erfolgreiche Roman Noir-Reihe mit so hervorragenden Autoren wie u.a. Jean-Patrick Manchette und Jean-Bernard Pouy herausgibt, folgt nun der kleine nette sympathische Verlag Assoziation A. Der Roman Noir hat eine große Tradition in Frankreich. Jean-Paul Sartre sagte schon über ihn: „Noch heute lese ich lieber den Roman Noir als Wittgenstein“. Diese Art der Kriminalromane brechen mit dem traditionellen Gut-und-Böse-Schema und dem im voraus zu erahnendem Happy-End, beziehen dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse mit ein, ohne dabei im sozialpädagogischen Sinne „sozialkritisch“ zu sein, wie es schon die Kriminalromane von Tito Topin und anderer gezeigt haben, die in den 80er Jahren in der Roman Noir-Reihe bei Edition Tiamat verlegt wurden.
Bei der Reihe NOIR, die nun bei Assoziation A herausgegeben wird, handelt es um Kriminalromane, die in der Tradition des französischen „Néo-Polar“ (Jean Amila, Jean-Pattrick Manchette oder Didier Daeninchx) stehen. Dabei handelt es sich eine neue Form des Kriminalromans in Frankreich, die in Folge der Niederlage der 68er-Revolte in den 70er Jahren entstanden ist. Die AutorInnen und ihre (Anti-)HeldInnen waren und sind zum großen Teil in der (radikalen) Linken aktiv. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sie sich mit aktuellen Ereignissen und den eigenen verloren Schlachten der Linken. Für sie ist der Kriminalroman „ein exzellentes Mittel, die komplexe Wirklichkeit in den Griff zu bekommen, ein perfektes Werkzeug, sie ist ins Licht zu rücken“ (Jean-Claude Izzo, Autor einer hervorragenden Marseille-Trilogie, erschienen bei UT metro vom Unionsverlag). Der Herausgeberinnen wollen mit der Reihe NOIR „den politischen Aspekt dieser Krimis betonen und das linke Selbstverständnis ihrer AutorInnen, die um die kulturelle Hegemonie in der Politik und im Leben streiten und den Aufstieg der Front National literarisch bekämpfen“. In der Reihe sollen nur solle Krimis erscheinen, die in Frankreich so links wie erfolgreich sind und noch nicht in der BRD erschienen sind.
Die Reihe beginnt mit „Rote Frauen werden immer schöner“ von Frédéric H. Fajardie. Der heute 56 Jahre alte Fajardie war 1968 in der Gauche Prolétarienne organisiert, einer spontaneistisch maoistischen Gruppierung, die noch an das Proletariat glaubte und für die direkte Aktion eintrat. Heute sieht er sich als libertären Marxisten und überzeugten Antistalinist, der noch immer in der Linken aktiv ist. Er hat die eigenen Erfahrungen aus dem Pariser Mai 1968 in „Rote Frauen werden immer schöner“ einfließen lassen.
Im Mai 1988 kehrt Frédéric nach 20 Jahren Exil zurück. Mitterand hatte war Präsident, viele Linke hatte große Hoffnungen in darin gesetzt, und wurden, wie nicht anders zu erwarten war, enttäuscht. Frédéric hatte Frankreich verlassen müssen, nachdem er im Mai 68 einen Flic in Notwehr getötet hatte. Frédéric, aktiv in einer prochinesischen Gruppe, gehörte zu den proletarischen Linksradikalen, die sich lieber Straßenschlachten mit den Flics lieferten, anstatt in verrauchten Räumen und Sälen endlos Diskussionen ohne Ergebnis zu führen. Schon damals ahnte er die Niederlage der Revolution und dass sich meisten wieder mit dem System arrangieren werden. VerliererInnen waren die proletarischen AnhängerInnen der Revolution. Die Söhne und Töchter der Bourgeoisie sind zurück in die Universität gegangen, haben ihr Studium fertig und eine Karriere in Wirtschaft, Staat, Wissenschaft oder Kultur gemacht.
Fajardie gelingt es die Stimmung des Mai 68 mit ihren Fraktionierungen aus der Sicht eines proletarischen Linksradikalen wieder zugeben. Besonders schlecht kommen dabei zurecht die trotzkistischen Sekten weg, dass kann jedeR noch heute nachvollziehen. Wer ist auf einer Demo nicht genervt von Linksruck und SAV mit ihren einfachen Parolen. Frédéric der rechte Revolutionär wurde von einer falschen Revolution verraten. Die meisten haben eben mehr zu verlieren als ihre Ketten. Die galt nicht nur im Mai 68 in Frankreich, sondern gilt noch heute noch, auch hier.