Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Fritz Mauthner: Der neue Ahasver. Roman aus Jung-Berlin, Philo Verlag, Berlin/Wien 2001

Der neue Ahasver
Roman über Antisemitismus in Berlin

Der Roman Der neue Ahasver von Fritz Mauthner (1849-1923) im Jahre 10 nach der Reichsgründung geschrieben, wurde nun von Philo Verlag im Jahre 11 nach der sogenannten „Wiedervereinigung“ neu aufgelegt und er hat nichts an seiner Aktualität verloren. Der Roman erschien zunächst 1881 im Berliner Tageblatt als Fortsetzungsroman und erschien im Jahr darauf als Buch. Es war die erste umfangreiche belletristische Veröffentlichung von Mauthner. Mauthner, ein guter und enger Freund von Gustav Landauer, ist vor allem durch seine Beiträge zur Kritik der Sprache und seine Arbeit über die Geschichte des Atheismus in Abendland bekannt, hat aber auch einige literarische Schriften veröffentlicht.
Der Roman beschreibt das Aufkommen des politischen Antisemitismus in Jung-Berlin, der als realitätsnahes Bild des „eliminatorischen“ Antisemitismus gelesen werden muß, der bereits 50 Jahre vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland seine willigen Vollstrecker fand. Ab Mitte der 1870er Jahre wurde die antisemitische Grundstimmung durch antisemitische Schriften verschärft. Wilhelm Marr hatte in seinem 1873 verfaßten „Judenspiegel“ den „Weg zum Siege des Germanenthums über das Judentum“ gewiesen. Eugen Dühring, Otto Glaugau, Adolf Stoecker und Heinrich von Treitschke sind weitere Autoren von antisemitischen Schriften aus der Zeit. Aber es wurde nicht nur gegen das „Judentum“ geschrieben und gehetzt, sondern es wurde auch eine ganze Reihe von antisemitischen Parteien, Vereine und Verbände gegründet, wie z.B. die „Christlich-Soziale Partei“, die „Antisemitenliga“, der „Deutsche Volksverein“ und der „Kyffhäuserverband der Vereine Deutscher Studenten“. Der Roman ist vor diesem Hintergrund als zeitgenössisches Dokument über Antisemitismus in Berlin und im Deutschen Reich zu lesen.
Der Protagonist Dr. Heinrich Wolff trägt autobiographische Züge von Mauthner. Beide sind in Prag geboren, beide sind Repräsentanten des aufgeklärten deutschen Judentums und Wolff tritt wie Mauthner für eine vollständige Assimilation ein. Da sich beide schon in Prag für die reichsdeutsche Option entschieden hatten, ließen sich beide konsequenter Weise in Berlin nieder.
Die Handlung des Romans und die Beziehungen, in denen die Personen zueinanderstehen, dienen Mauthner zur Darstellung und Auseinandersetzung mit versteckten und offenen Anti-semitismus. Nach Beendigung seines Medizinstudiums in Leipzig kehrt Heinrich in seiner Heimatstadt und zu seinen Verwandten zurück. Er fühlt sich seiner Umgebung – der jüdischen Welt, Religion und Kultur – entfremdet und entschließt sich nach Berlin zu ziehen, um dort als Arzt zu praktizieren. Er füllte sich als assimilierter Jude in die reichsdeutsche Gesell-schaft integriert, hatte als Patriot auf der Seite Preußens im deutsch-französischen Krieg gekämpft. In Berlin hatte Wolff Kontakte zum niedrigen Adel, wie z.B. die Familie von Auerheim. In Clemence, die Tochter des Hauses, verliebt sich Heinrich. Diese Liebe ist der Hauptstrang des Romans, mit der Mauthner die politischen Ereignisse und Umwälzungen der Zeit verknüpft. Dazu gehört der gesellschaftliche Sprengstoff, den die Liebe zwischen einer adligen Frau und einem ungetauften Juden in der damaligen Zeit hatte. Der Großvater will seine Einwilligung zur Heirat nur unter zwei Bedingungen geben. Heinrich darf sich ein Jahr mit Clemence weder treffen und schreiben. Sollte Clemence nach diesem Probejahr immer noch in Heinrich verliebt sein und dieser sich taufen läßt, steht der Heirat der beiden nichts mehr im Wege. Das Probejahr verbringt Heinrich in Afrika. Als er nach Ablauf des Jahres nach Berlin zurückkehrt, wird der von der aggressiven antisemitischen Stimmung in Berlin und im Deutschen Reich völlig überrascht. Stropp, der antisemitische Agitator in dem Roman, ist der Wirklichkeit entnommen. Stropp ist Wilhelm Marr, versetzt mit einer Prise Dühring und Treitschke. Der von Stropp propagierte Antisemitismus ist „eben jene absurde und zugleich hocheffektive Mixtur aus rassistischen Vorurteilen, traditionellen anti-judaistisch-christlichem Glauben, Sozialneid, politischen Fanatismus und projektiven Haß, die in der antisemitischen Bewegung der siebziger Jahre tatsächlich die Meinungs- und die projektive Täterführerschaft übernahm“(1).
Die offene Diskriminierung von Juden und die pogromartige Stimmung macht es Heinrich in dieser Situation unmöglich, zum Christentum überzutreten. Obwohl Heinrich keinen Bezug zum „Judentum“ hat, wird ihm in dieser Situation sein „Judesein“ bewußt. Ganz so wie später Jean Améry schrieb: „Wo es aber (...) jählings ans der Herz der Dinge und ich Gefahr wittere (...), ist, jenseits eines Judentums, auf das ich mich nicht berufen kann, weil ich es nicht besitze, mein Judesein am Ende noch ausschlaggebend. Ich ergreife Partei“(2). So kann Heinrich nicht anders, als auf seine große Liebe zu verzichten. Am Ende des Romans wird Clemence bei pogromähnlichen Ausschreitungen getötet. In einem Duell mit seinem größten Widersacher und Nebenbuhler sucht Heinrich den Tod.
Mauthner gelingt es in diesem Roman, die Stimmung in Berlin der 1870er Jahre einzufangen. Nach der Reichsgründung 1871 gab es zunächst einen ungeheuren Aufschwung, der durch die französischen Reparationszahlungen getragen wurde. Doch durch die anhaltenden Wirtschaftskrisen seit 1873 war die Euphorie verflogen und die gesellschaftlichen Spannungen nahmen zu. Die sozialen Spannungen zerreißen das junge „nationale Glück“. Die Entliberalisierung von Politik und Gesellschaft in dieser Zeit gab dem unterschwelligen Antisemitismus weiter Vorschub. Genährt wurden die antisemitischen Umtriebe durch die bereits oben erwähnten antisemitischen Schriften. Die sogenannte „Judenfrage“ war damals die „Tagesfrage“. Die germanische Leitkultur wurde aber nicht nur durch die Juden bedroht, sondern es wurde auch eine Überfremdung durch zu viele AusländerInnen (Hugenotten und osteuropäische ZuwanderInnen) befürchtet. Die Hugenotten – Religionsflüchtlinge aus Frankreich – wurden für eine „Verwelschung“ der germanischen Kultur durch den französischen Erbfeind verantwortlich gemacht. „Sprachpuritaner“ warnen vor der Verunreinigung der deutschen Sprache durch die Benutzung von französischen Wörtern wie z.B. „Billard“ (1885 wurde der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ gegründet). Damals wie heute gehörten Rassismus, Antisemitismus und der Diskurs über die deutsch-christliche Leitkultur und die Erhaltung der Reinheit der Sprache zusammen. Selbst der spätere Nobelpreisträger Theodor Mommsen, der in der „Erklärung der 75“ mit anderen Politikern, Professoren und Wissenschaftlern den Antisemitismus scharf verurteilten, forderte von den Juden den Übertritt zur „Christenheit“, zur christlichen Leitkultur. Die Debatten und die Argumente, die in Der neue Ahasver geführt und ausgetauscht werden, kommen uns teilweise allzubekannt vor. Der offene Rassismus, der Diskurs um die Leitkultur oder um die Anglizismen in dem deutschen Sprachgebrauch in der Gegenwart sind Parallelen zu den 1870er Jahren, die Mauthner beschreibt.


(1) Ludger Lütkenhaus: Nachwort. In Fritz Mauthner: Der neue Ahasver. Roman aus Jung-Berlin, Berlin/Wien 2001
(2) zitiert nach: Almut Vierhufe: Politische Satire? Fritz Mauthner Romans „Der neue Ahasver“ und der Berliner Antisemitismusstreit. In: Helmut Henne / Christine Kaiser (Hrsg.): Fritz Mauthner – Sprache, Literatur, Kritik. Festakt und Symposion zu seinem 150. Geburtstag, Tübingen 2000