Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

Paco Ignacio Taibo II: Olga forever. Krimi in zwei Fällen, Nautilus

Olga forever

Dem mexikanischen Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II, den deutschsprachigen LeserInnen bekannt durch seine Romane Vier Hände und Auf Durchreise und seiner Biographie des la-teinamerikanischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara, überrascht mit seinem neusten übersetzten Kriminalroman Olga forever. Die beiden Fälle die in dieser deutschsprachigen Ausgabe vereint sind, waren im Original zwei Kriminalromane. Dieser Krimi - in zwei Fällen - unterscheidet sich in der Sprache und in der Schnelligkeit von seinen Romanen und Kriminalromanen. Paco I. Taibo sagt selbst, daß er diese Romane geschrieben hat, um zu widerspre-chen. Olga forever ist ein mehrfacher Widerspruch. Auf zwei davon werde ich eingehen.
Bevor er im Jahre 1988 mit dem ersten Krimi mit der Journalistin Olga Lavanderos begann war Taibo schon ein international bekannter Kriminalschriftsteller, seine Krimis wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Ein Kollege der Internationalen Vereinigung der Kriminalschriftsteller meinte zu Taibo: "Wo du jetzt auf dem internationalen Markt publizierst, muß du universialere, internationalere Romane schreiben". Damit war gemeint, er müsse mehr an das nicht-mexikanische Publikum denken und weniger mit lokalen Codes arbeiten. Mit seinem ersten Roman über Olga Lavanderos wollte er wieder einen Roman schreiben, "einen unleserlichen Roman für alle, die nicht , sei es auch nur einige Tage, im Regen und Smog von Mexiko-Stadt gelebt haben, ein Roman voller komplizenhafter Anspielungen in Sprache, in Mikro-landschaften (...) einen so Mexiko-Stadt getränkten Roman, der niemals in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten verkauft werden könnte". Ein Glück für uns, daß der Verlag Nautilus eine andere Meinung vertritt. Ein weiterer Anlaß zum Schreiben dieser Romane, war die Äußerung, daß er niemals ein Buch mit einer Frau als Hauptfigur schreiben könnte. Gut, sagte sich Taibo, "es wird nicht nur ein Frau sein, sondern eine Frau, die durch und durch eine Provokation ist". Olga Lavanderos, auch genannt die Forever, 23 Jahre, Studiumsabbrecherin, Vespafahrerin, Journalistin bei der Tageszeitung La Capital, hat sich durch das Lesen von Bakunin und Sartre als 15jährige nach eigener Auffassung ihre Zukunft verbaut, sieht sich selbst als "phlegmatische Anarchistin" und glühende Anti-PRIistin. Sie gehört zur Athos-Strömung in der Partei der Drei Musketiere (PDM), deren einziges Mitglied sie ist, denn Parteien mit zwei Mitgliedern neigen zur Spaltung, bei dreien tun sich mit Sicherheit zwei zusammen, um das Dritte auszuschließen.
Die Fälle spielen Mitte der 80er Jahres als das Wort Revolution nicht mehr mit dem Adjektiv permanent sondern mit unmöglich in Verbindung gebracht wird. Im ersten Fall werden fünf Leichen in einem Abwasserkanal gefunden. Alle fünf, drei Männer und zwei Frauen, wurden gefoltert. Es stellt sich heraus, daß sie schön länger verschwunden waren. Olga findet heraus, daß die fünf in dem Zeitraum zwischen ihrem Verschwinden und ihrer Ermordung noch gese-hen wurden. Sie verkauften ihren Schmuck oder ihre Geschäfte. Handelt es sich um Entführung, wurden Erpressungsgelder eingetrieben und welche Rolle spielt die korrupte Polizei von Mexiko-Stadt. Olga findet die Wahrheit heraus, aber ihre Zeitung wird sie nicht abdrucken. Deshalb verläßt sie die Zeitung und wird Assistentin in einer internationalen Nachrichten-agentur. Luis Bravo Zendejas, Besitzer eines Restaurants, und Odilon Zendejas, Radrennfahrer und Gewinner der Vuelta von Mexiko 1975, werden mit einem 22er Einschußloch in der Stirn und grün angemalten Handflächen aufgefunden. Unter gleichen Umständen kommt auch Cecilia Isabel Zendejas, Besitzerin einer Büstenhalterfabrik, ums Leben. Olga findet heraus, daß die drei nicht nur den gleichen Nachnamen, im Alter nicht mehr als ein Jahr auseinander sind, daß sie zwar verschiedene Mütter, aber den gleichen Vater haben. Liegt hier das Motiv. Oder haben die grün angemalten Hände etwas mit Falschgeld zu tun, es handelt sich bei der Farbe um Druckerfarbe, Dollar-Noten werden gerne gefälscht. Gibt es noch eine viertes Kind, und was hat er oder sie damit zu tun. Aber als ob dieser Fall nicht genug Ärger für Olga wäre, taucht auch noch ihr tot geglaubter Großvater aus dem Nichts aus, redet etwas über Schätze, den Papst und Absprachen mit der mexikanischen Regierung. Olga und ihr Großvater entdecken, daß die Kirche Wahlzettel für die PRI fälscht und als Gegenleistung wird die Regierung den Vatikan anerkennen, doch diese Story glaubt keiner, und so wird sie auch nicht veröffentlicht. Und dann gibt es noch ein kleines Kind, das von seiner Mutter Pancho genannt wurde, nach Pancho Villa, dem anderen Revolutionshelden der mexikanischen Revolution 1910-1919.
Olga forever ist ein Muß für Taibo- und/oder Krimifans, schnell geschrieben in einer Sprache, die ich aus noch keinem seiner (Kriminal-)Romane kannte.