Jürgen Mümken
Bücher | Artikel | Rezensionen
Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

unveröffentlicht

Stefan Paulus
Anarchismus in der Postmoderne
Eine Buchbesprechung

Der Sammelband „Anarchismus in der Postmoderne“ mit setzt sich mit Teilaspekten anarchistischer und poststrukturalistischer Theorien auseinander. Ziel dieses Bandes ist es die, durch die Veränderung der kapitalistischen Strukturen hervorgegangen, gesellschaftliche Zusammenhänge neu zu beurteilen und veraltete anarchistische Analysekonzepte in Frage zu stellen. Denn nicht nur die Nationalstaaten und die Kapitalverwertungsbedingungen haben ihre Form verändert, sondern auch die Ideen von Freiheit und Autonomie sind Teil eines neoliberalen Diskurses geworden, um Menschen dazu zubringen ihre Träume und Wünsche nach Selbstbestimmung als ein herrschaftsstabilisierendes Element einzubauen. Weil die kapitalistische Globalisierung mit ihrem neoliberalen Gesicht die gesellschaftlichen Realitäten und deren Wahrnehmung verändert, ist die zentrale These dieses Bandes, dass das Vokabular des klassischen Anarchismus nicht mehr zur Analyse und Kritik gegenwärtiger Gesellschaften ausreicht.
An dieser Stelle setzt auch der erste Beitrag „Anarchismus in der Postmoderne“ von Jürgen Mümken an: Mümken erläutert, dass der aktuelle Anarchismus noch stark an den Idealen der Modere verhaftet ist. Aufklärung, Vernunft, Fortschritts- und Technikgläubigkeit, Objektivität und die Vorstellung eines bürgerlich-autonom handelnden Subjekts sind wesentliche Bestandteile der Modernen Ideologie. Mümken stellt dabei Fragen danach, welchen Zweck, welchen Wahrheitsanspruch diese Kategorien erfüllen. Postmoderne Ansätze versuchen moderne Kategorien radikal Infragezustellen, zu dekonstruieren und ihre herrschaftssichernde Funktionen offen zu legen. Diesen Ansatz, so Mümken, müsste auch die aktuelle anarchistische Theorie und Praxis leisten. Eine mögliche Form der Reflexion und der Weiterentwicklung der momentanen anarchistischen Analyseversuche ist der in diesem Beitrag vorgestellte Ansatz des Postanarchismus.
Der darauf folgende Beitrag „Autorität, Verhältnis, Effekt gegen Repräsentation und Gewaltmonopol“ von Jens Kastner setzt sich mit dem anarchistischen Staatsverständnis unter neoliberalen Vorzeichen auseinander. Kastner verdeutlicht mit den Konzepten von Bakunin, Landauer, Foucault, Agamben, dass staatliche Regierungsweisen nicht ausschließlich repressiv sind und auf Zwang und Bedrohungen beruhen, sondern, dass der Staat ebenso ein Verhältnis, ein freiwillig von Individuen mitgetragenes Gewaltmonopol ist, das durch Bestechungen und Konsens reproduziert wird. Der Beitrag von Kastner schließt mit der spannenden Frage: „Wenn Freiheit selbst ein Teil gouvernementaler Führung geworden und als Gegenbegriff zum Staat in Zweifeln geraten ist, was kann dann den offensichtlich vorhandenen Herrschaftsverhältnissen entgegengehalten werden“ (Kastner: 37f) ?
Dieser Denkweise folgt auch der anschließende Beitrag von Mümken „Anarchismus, Neoliberalismus und Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“. Mümken geht der Differenz zwischen einem anarchistischen und neo-liberalen Freiheitsbegriff nach und kommt zu einem keineswegs überraschenden aber diskussionswürdigen Fazit.
An der Idee wie in einer herrschaftslosen Gesellschaft Entscheidungen getroffen werden könnten, setzt der Text von Ralf Burnicki „Anarchismus und Konsens“ an. Dieser Text ist allerdings nicht nur ein theoretisches Denkspiel, sondern bietet auch konkrete Handlungsmöglichkeiten an, wie (Gruppen-) Entscheidungen außerhalb von Konkurrenz, Hierarchien und Bevormundungen getroffen werden könnten.
Zentral für eine anarchosyndikalistische Auseinandersetzung mit postanarchistischen Ansätzen bietet der Beitrag „Klasse von Gewicht? Probleme des Klassenkampfes in der Postmoderne“ von Thorsten Bewernitz. Bewernitz fragt danach, wo die Probleme des Klassenkampfes zu finden sind, ob es noch Klassen in der Postmoderne gibt bzw. ob überhaupt noch ein Klassenbewußtsein im neoliberalen Kapitalismus existiert und ob für eine radikale Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ein revolutionäres Subjekt notwendig ist. Bewernitzs Analysen bieten nicht nur eine spannende Diskussionsgrundlage zur Erneuerung anarchosyndikalistischer Konzepte, sondern sind auch eine Antwort auf die phlegmatischen Phrasen angestaubter AnachosyndikalistInnen, denn „Klassenkampf ist der Kampf darum, nicht klassifiziert zu werden“ (Bewernitz: 92).
Die folgenden Beiträge von Olaf Kaltmeier „Auf der Suche nach Anarchie. Poststrukturalistische Perspektiven auf herrschaftsfreie Gesellschaften und widerständige Gemeinschaften“ und von Thorsten Bewernitz „Karl Marx und andere Gespenster oder: Eine Neue Internationale der Hoffnung“ finden libertäre Ansätze bei der Mapuche-Bewegung in Chile und den aufständigen Zapatisten in Mexiko. Hervorzuheben hierbei ist Kaltmeiers poststrukturalistische Herangehensweise, welche aufzeigt, dass es keine herrschaftsfreien Gesellschaften mehr gibt und dass selbst die Beschreibung von „anderen“ Gesellschaften, „eigene“ Vorstellungen beinhaltet und diese dadurch schon von Machtverhältnissen und Herrschaftstechniken durchzogen sind. Gerade dieses Dilemma ist aber eine libertäre Herausforderung, um einen vielfältigen, differenzierten bzw. einen „polyphonen und ent-werkten Kommunismus zu denken“ (Kaltmeier: 118). Die Politik der EZLN greift verschiedene Perspektiven auf, indem sie solche Wir/Ihr Dualismen dekonstruiert, indem sich die ProtagonistInnen maskieren und so „wissen wir nicht, ob hinter der Maske (des Subcomandante Marcos, der EZLN,...) der/die chiapanekanische Indigene, der Schwule/die Lesbe in San Fransisco, der/die Schwarze in Südafrika, der/die AsiatIn in Europa, der/die AnarchistIn in Spanien 1936, der/die GewerkschaftlerIn in einer Maquiladora, der/die PazifistIn in Bosnien, der/die Bauer/Bauerin ohne Land steckt“ (Bewernitz: 134).
Der letzte Beitrag von Bernd-Udo Rinas „Postmoderne-Veganismus-Anarchismus. Andeutungen zu einem nicht-anthropozentrischen, postmodernen und dekonstruktivistischen Anarchismus“ schließt einerseits Konsequent an der politischen Philosophie des Poststrukturalismus an, nämlich „Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden“ (Gabriel Kuhn), bietet andererseits wiederum ein normatives Ideal, wenn im „Veganismus erste Verwirklichungsschritte eines postmodernen Anarchismus angedeutet werden“ (Mümken: 9).
Insgesamt ist dieser Sammelband ein gelungener Beitrag zur Diskussion über die Aktualisierung anarchistischer Theorie und Praxis. Gerade die herrschaftskritischen Ansätze poststrukturalistischer Arbeiten und ihrer immanenten Kritik der scheinbaren Natürlichkeit gesellschaftlicher Ordnungen und Denkformen ermöglichen die theoretischen Lücken des klassischen Anarchismus zu schließen. Auch der Verlag Edition AV hat Mut bewiesen, diese längst überfälligen Erneuerungsversuche einer breiten Öffentlichkeit zu kommen zu lassen. Kritisch lässt sich anmerken, dass in diesem Sammelband keine explizite Auseinandersetzung mit feministischen Inhalten stattgefunden hat, denn gerade poststrukturalistische Diskurse basieren auf Überlegungen zur Dekonstruktion von binären Geschlechtsidentitäten, sowie auf der Kritik der Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse. Dieses Fehlen verdeutlicht wichtige offene Stellen um die Theorie des Postanarchismus voranzutreiben.