Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

in der Jüdischen Rundschau vom 4. August 2017 – 12 Av 5777

Miriam Magall
Das große Schlachten zu Ostern

Praktisch völlig an der Öffentlichkeit verbeigegangen ist dieser Titel, der bereits im Jahr 2015 herausgekommen ist. Ein guter Grund, heute darauf aufmerksam zu machen, nachdem führende deutsche Medien im Juni 2017 einen Dokumentarfilm über den Antisemitismus in Europa in den hintersten Schubladen ihrer Archive verschwinden lassen wollten und dieser nur dank lautstarker Proteste von Juden wie Nichtjuden doch noch ausgestrahlt und in anschließenden Talkrunden von „Fachleuten“ totgepflückt wurde.
„Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen!“ „Schlussstrich ziehen!“ Wohin dieses Weggucken führen kann, das zeigen die Herausgeber mit ihrer Sammlung von Stimmen zu diesem Pogrom.
„Aufstacheln, aufrütteln aber wird diese Schrift durch keine Kunst der Rede. Die grauenhafte Wahrheit soll sprechen – und sie allein“.
Diese Worte stehen am Anfang von Feiwel Bertholds (1875-1937) Bericht über den Pogrom zu Ostern 1903, der allen früheren wie allen nachfolgenden Pogromen ihren Namen gegeben hat. Er ist aber beileibe nicht der einzige – auf Seite 35 steht eine Liste der antijüdischen Pogrome in Russland in der Zeit von 1881 bis 1884 –, allein in diesen 4 Jahren sind es insgesamt 39! Vorspiele nur zu dem, was sich zu Ostern 1903 in Kischinew in Bessarabien ereignet – und im Oktober 1905 in derselben Stadt noch einmal wiederholt.
Ein Ukas, d. h. ein Edikt des Zaren aus Sankt Petersburg, soll den Ausschlag gegeben haben – nur findet sich ein solches nirgendwo. Das hindert die Rädelsführer, angefangen von den Regierungsorganen, der Polizei und Soldaten nicht, entweder wegzuschauen oder kräftig mitzumischen. Vorbereitet wird es durch Hetze in einer üblen Publikation, praktisch der einzigen erlaubten: Der „Bessarabetz“ bereitet den Boden. Jeder Mord in Kischinew ist dieser Publikation zufolge ein von Juden begangener Ritualmord. Selbst wenn sich später herausstellt, dass keine Morde von Juden begangen wurden. Zwei Tage und zwei Nächte lang wüten die Horden. Auf Seite 82 stehen die Zahlen der Opfer der Exzesse am Ostersonntag und Ostermontag 1903. Es findet danach auch ein Prozess statt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit! Die wahren Rädelsführer verlassen Kischinew, ohne dass sie zur Rechenschaft gezogen worden wären, nur niedrigere Chargen werden bestraft, und auch das noch mit größter Nachsicht.
Als Hintergrund dieser Exzesse ist zu vermuten, dass Russland sich seiner 4 Millionen Juden entledigen will, denn diese Pogrome – neben einer restriktiven Politik in Bezug auf Niederlassungsrecht (nur im westlichen Siedlungsrayon) und erlaubten Berufstätigkeiten – treiben die Verfolgten dazu, in Scharen das Weite und ihr Glück in der „Goldenen Medine“, in der Neuen Welt zu suchen.
Dieser schrecklichste aller Pogrome findet seinen literarischen Nachhall in einer Reihe zeitgenössischer und moderner Werke: in Gedichten von Chaim Nachman Bialik, in Erzählungen von Wladimir Korolenko sowie in Romanen und Theaterstücken auf beiden Seiten des Atlantik.
„Kischinew. Pogrom 1903“ ist als Pflichtlektüre jedem an jüdischer Geschichte Interessierten zu empfehlen – auch und gerade angesichts sich heute leider wieder häufender – verbaler und tätlicher – Übergriffe auf Juden, nicht nur in Deutschland.