Jürgen Mümken
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Die Garantie der Freiheit ist die Freiheit. - Michel Foucault

aus: junge welt, 24. August 2011

Gerd Bedszent
Wer warf die Bombe?
Ein historischer Roman über das Haymarket-Massaker

Es ist schon etwas ungewöhnlich, daß ein vor über hundert Jahren erschienener politischer Roman eine Neuauflage erlebt. Allerdings ist das Thema nach wir vor brisant: das Haymarket-Massaker am 4.Mai 1886 in Chicago. Als nach dem Bombenwurf eines Unbekannten die Polizei ein Blutbad unter Arbeitern, die für die Einführung des Achtstundentages demonstrierten, anrichtete. In der Folge wurden mehrere bekannte Arbeiterführer ohne jeden Beweis hingerichtet oder jahrelang eingekerkert.
Es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts keineswegs selbstverständlich, daß der Autor eines literarischen Werkes unverblümt Partei für die als Terroristen diffamierten Opfer einer erbarmungslosen Klassenjustiz nahm, die Ereignisse aus der Sicht des Bombenwerfers schilderte. Der britische Autor und Publizist Frank Harris war kein organisierter Linker, hegte jedoch eine gefühlsmäßige Sympathie für die Sache der Unterdrückten. Sein Roman ist in weiten Teilen Fiktion.
Im überaus informativen Nachwort von Michael Halbrodt zur aktuellen Ausgabe werden verschiedene Irrtümer und literarische Einfälle im Roman richtiggestellt. So ist zum Beispiel bis heute nicht bewiesen, wer damals die Bombe auf die Polizisten geworfen hat. Rudolf Schnaubelt, Held des Buches, war einfach nur ein bekannter Anarchist, nach dem die Polizei damals erfolglos fahndete. Er starb keineswegs im Elend, wie im Roman geschildert, sondern sagte sich vom Anarchismus los und wurde in Argentinien ein schwerreicher Unternehmer.
Wertvoll ist der Roman noch heute, weil darin sehr genau die Methodik geschildert wird, mit der schon damals die Kriminalisierung politisch mißliebiger Personen betrieben wurde. Anfang der 1980er Jahre bejahte ein Sohn von Ethel und Julius Rosenberg in einem Interview die Frage eines jungen afroamerikanischen Journalisten, ob er einen politisch motivierten Justizmord auch in der Gegenwart noch für möglich hielte. Der Journalist hieß Mumia Abu-Jamal.